Umfrage

Sich von einem Roboter pflegen lassen? Baselbieter Senioren würden's zulassen

Seniorin

Die Ergebnisse der Altersstudie der Universität Basel liegen vor. Für Betagte ist es wichtig, zu Hause wohnen zu können. Sie würden sich dafür sogar von einem Roboter pflegen zu lassen.

Eine wissenschaftliche Untersuchung, die derart genau Auskunft gibt über die Lebenssituation älterer Personen, existierte bis anhin noch nicht. Ein Team des Instituts für Pflegewissenschaft der Universität Basel verschickte im März an alle Personen im Baselbiet ab 75 Jahren, die zu Hause wohnen, einen Fragebogen. Ziel der Umfrage war es, die Bedürfnisse älterer Menschen zu eruieren, weshalb nach dem Gesundheitsverhalten, nach dem Leben im Alter sowie nach den gewünschten Angeboten gefragt wurde. Die Rücklaufquote war enorm: Fast ein Drittel, 8813 von 28'793 angeschriebenen Senioren, füllten den 24 Seiten dicken Fragebogen aus und schickten ihn zurück. Nun liegen erste Ergebnisse der Inspire-Studie vor, die Erwartbares, aber einige überraschende Fakten zutage fördern.

1. Weshalb wurden die Betagten im Baselbiet überhaupt befragt?

Ausgangspunkt der Studie ist das seit 2018 im Baselbiet gültige neue kantonale Altersbetreuungs- und Pflegegesetz. Dieses verlangt unter anderem, dass sich die 86 Gemeinden zu Versorgungsregionen zusammenschliessen. In den einzelnen Regionen soll jeweils eine Informations- und Beratungsstelle für die ältere Bevölkerung errichtet werden. Der Kanton Baselland trat mit dem Institut für Pflegewissenschaft der Uni Basel in Kontakt und bat um wissenschaftliche Unterstützung bei der Umsetzung des Gesetzes. Neben dem Kanton Baselland wird die Studie von vielen anderen Stellen unterstützt, etwa der Ärztegesellschaft Baselland, der Swiss National Science Foundation und der Europäischen Kommission.


2. Wieso bietet sich der Kanton Baselland – einmal abgesehen vom neuen Gesetz – an, um hier die Lebenssituation von älteren Personen zu untersuchen?

Nach dem Tessin lebt im Baselbiet die zweitälteste Bevölkerung der Schweiz. «Der Kanton Baselland ist typisch für eine Region in Europa: Es gibt ländliche und eher urbane Gebiete», sagt Sabina De Geest. Die Direktorin des Instituts für Pflegewissenschaft gehört dem Projektteam an. Die Ergebnisse könnten auf andere Regionen adaptiert werden. Man habe Anfragen aus Schweden, Österreich und Italien erhalten, wo man sich für den Fragebogen und die Ergebnisse interessiere.

3. Wie steht es um die Gesundheit der Baselbieter Seniorinnen und Senioren?

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Umfrage ist, dass es den Senioren ab 75 Jahren, die geantwortet haben, gesundheitlich gut geht. Fast drei Viertel aller Personen weisen kein hohes gesundheitliches Risiko auf. Rund 80 Prozent geben an, keine Probleme zu haben, den alltäglichen Tätigkeiten nachzugehen. Die allermeisten bezeichnen ihren Schlaf als gut oder sogar sehr gut, ohne dass sie dafür Schlafmittel schlucken müssten. Nichtsdestotrotz sind viele auf Medikamente angewiesen. Beinahe die Hälfte nimmt vier oder mehr unterschiedliche Medikamente ein.

4. Welches sind die grössten Sorgen der Alten im Kanton Baselland?

Finanziell geht es den Personen, welche den Fragebogen zurückgeschickt haben, nicht schlecht. Nur knapp fünf Prozent erklären, finanzielle Sorgen zu haben. Auf eine Vereinsamung älterer Personen, von der immer wieder die Rede ist, deutet auch die Auswertung der Fragebögen hin. Mehr als ein Drittel geben an, die Gesellschaft anderer Personen zu vermissen. Ebenso fühlen gut ein Drittel der Seniorinnen und Senioren eine allgemeine Leere.

5. Was wünschen sich die Befragten für die kommenden Jahre?

Das dringlichste Anliegen der Alten im Baselbiet ist es, so lange wie möglich in ihrem eigenen Daheim weiter zu wohnen. Mehr als 90 Prozent geben an, dass es sich bei ihrem Zuhause um ihre Idealvorstellung für das Wohnen im Alter handle. Weniger als ein Prozent kreuzte hingegen ein Alters- oder Pflegeheim als idealen Ort für das Wohnen im Alter an. Sollten sie auf die Unterstützung von anderen Personen angewiesen sein, möchten die Befragten diese Hilfe in den eigenen vier Wänden erhalten.

Die Zahl der Pflegeroboter wird in Zukunft voraussichtlich zunehmen.

Die Zahl der Pflegeroboter wird in Zukunft voraussichtlich zunehmen.

6. Welche Unterstützung im Alter könnten sich die Senioren im Landkanton vorstellen?

Auch wenn die meisten derzeit keine Hilfe benötigen, zeigen sich die Befragten offen, diese dereinst in Anspruch zu nehmen. Die Senioren sind bereit, dabei auch unterschiedliche technische Hilfsmittel in Betracht zu ziehen. «Diese grosse Bereitschaft war für uns eine Überraschung», sagt Projektleiterin Mieke Deschodt. Der Unterstützung durch einen Pflegeroboter stehen fast 40 Prozent positiv gegenüber. Sogar mehr als die Hälfte kann sich vorstellen, in Zukunft Telemedizin, also die Kommunikation mit einem Arzt über Video, zu nutzen. Für rund 55 Prozent ist ein SMS-Service denkbar, der sie daran erinnert, die Medikamente einzunehmen.

7. Was geschieht nun mit den Ergebnissen der Fragebögen?

In den nächsten beiden Jahren wird die Inspire-Studie fortgeführt. Die Ergebnisse, die derzeit auf Kantonsebene vorliegen, werden auf die Versorgungsregionen heruntergebrochen. So soll es möglich sein, die einzelnen Informations- und Beratungsstellen auf die Bedürfnisse der jeweiligen Bevölkerung auszurichten. Parallel dazu ist geplant, die Umfrage im gesamten Kanton zu wiederholen, um zu untersuchen, wie sich die Situation verändert hat.

8. Die Macher der Studie wurden dafür kritisiert, den Fragebogen nicht anonymisiert zu haben. Wie reagierte das Projektteam darauf?

Ursprünglich war geplant, mit verschlüsselten Daten zu arbeiten, was bei einigen Befragten für Verunsicherung stiess. Um dem entgegenzuwirken, entschied sich die Uni Basel letztlich für eine völlige Anonymisierung der Daten.

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