Liestal

Sie investiert, während andere zittern

Jeden Tag ein bisschen etwas anderes, aber immer vegetarisch oder vegan: Beatrice Rieder vor ihrem Lokal «herzlich» an der Rathausstrasse.

Jeden Tag ein bisschen etwas anderes, aber immer vegetarisch oder vegan: Beatrice Rieder vor ihrem Lokal «herzlich» an der Rathausstrasse.

Die Angst rund um die Sanierung der Rathausstrasse ist gross bei den Liestaler Gewerblern. Doch Beatrice Rieder ist eine unkonventionelle Unternehmerin – das zeigt sie mit ihrem «herzlich».

Viele Liestaler Gewerbler sehen der Sanierung der Rathausstrasse im nächsten Jahr mit Bangen entgegen. Es stehen massive Beeinträchtigungen im Form von Lärm, Dreck und Zugangsbehinderungen an, die Kundenverluste und damit Umsatzeinbussen zur Folge haben dürften. Eine aber investiert jetzt eine halbe Million Franken in ihren Gastro-Betrieb, obwohl die Rathausstrasse dessen Lebensnerv ist – Beatrice Rieder. Und das ist ein Stück weit typisch für die unkonventionelle, 56-jährige Unternehmerin: Sie sieht auch dann noch Rosa-Töne, wenn andere nur noch schwarz sehen.

Eingeimpft wurde Rieder das Unternehmer-Gen schon in frühen Jugendjahren: Kaum war die Schule jeweils am Samstagmorgen aus, mussten sie und ihr Bruder im elterlichen Herrenmodegeschäft an der Rathausstrasse – dem legendären «Kleider-Rieder» – die Kunden empfangen, ins richtige Rayon leiten und wieder verabschieden. Aber schon bald zog es die charmante, junge Dame aus der Kleinstadt in die weite Welt hinaus.

So arbeitete die ausgebildete Hotelfachfrau als Hostess am Flughafen Basel, als Reisebegleiterin auf Kreuzfahrtschiffen und verkaufte ein paar Jahre lang in Toronto Kanadiern Reisen über den Globus. Dabei entdeckte sie ihr grösstes Talent, das in rudimentären Zügen schon im elterlichen Geschäft gefragt war – die Kommunikation.

Wider die verbreitete Kritik

Rieder absolvierte die Ausbildung zur diplomierten PR-Beraterin, machte Öffentlichkeitsarbeit beim Bankverein und später beim Gesundheitsunternehmen Bioforce am Bodensee. Dort verliebte sie sich ins Appenzellerland. Eine Liebe, die bis heute andauert, doch das Unternehmer-Gen war stärker: Als das heimische Kleidergeschäft nach dem Tod ihrer Eltern verwaist war, stellte sie ihr Leben um: «Ich machte, was ich oft mache – ich folgte einem inneren Impuls, kam nach Liestal zurück und gründete meine eigene PR-Agentur.»

Schnell fasste sie Fuss in der Region und erhielt Aufträge von Unternehmen, Organisationen und Behörden, so auch von der Stadt Liestal, für die sie jahrelang das «Liestal aktuell» produzierte. Je mehr sie in die heimische Befindlichkeit hineinsah, desto mehr missfiel ihr etwas: «Viele Menschen waren sehr kritisch gegenüber Liestal. Dem wollte ich etwas entgegensetzen.» Die Antwort heisst seit acht Jahren Lima, was für Liestal Magazin steht und mittlerweile im Zweimonats-Rhythmus in einer Auflage von 25 000 Exemplaren in 18 Gemeinden erscheint. Und im Lima konzentriert sich Rieder als Herausgeberin auf die positiven Seiten von Liestal und Umgebung.

Vor rund einem Jahr wiederholte sich das Prozedere, etwas für Liestal tun zu wollen, in etwas anderer Form: Der Hauptmieter in Rieders Geschäftshaus mitten an der Rathausstrasse, die Swisscom, zog über die Strasse in den Neubau anstelle der alten Manor. Als Ersatz suchte Rieder nicht einfach irgendeinen Nachfolger nach dem verbreiteten Motto: «Hauptsache ist, die Miete kommt herein», sondern sie wollte ein Geschäft, das nicht nur ihr, sondern Liestal als Ganzem nützt. Doch die gezielt angefragten Firmen winkten aus unterschiedlichen Gründen ab, sodass Rieder – das Unternehmer-Gen obsiegte – sich ihrer beruflichen Wurzeln in der Hotellerie besann und trotz Zweifeln und schlaflosen Nächten selbst in die Hosen stieg.

Von Kunden überrannt

Letzten August eröffnete die überzeugte Vegetarierin einen für Liestal neuartigen Take-away-Betrieb namens «herzlich». Und siehe da, sie traf mit ihren Suppen, Sandwiches und Salaten für Vegetarier, Veganer und Gluten-Allergiker eine Marktlücke und wird inzwischen fast überrannt von Kunden. Das übrigens auch an ihrer Verkaufsaussenstelle in der Hanro.

Also schaltete sie einen Gang höher und begann mit der Planung eines richtigen Restaurants mit 40 Plätzen. Im Juni legt sie nun – bei geschlossenem Betrieb – voll los: Einbau von Gastroküche, Lüftungsanlage, Toiletten, Gästeräumen auf zwei Etagen und anderem mehr.

Richtig rechnen gelernt

Die halbe Million Franken, die sie dafür investiert, stehen am Ende eines mitunter schmerzhaften Lernprozesses. Rieder: «Ich bin ein grosszügiger, optimistischer Mensch, der wenig vorausrechnet. Doch die Gastronomiebranche erfordert ein genaues Hinschauen. In den letzten Monaten habe ich den Betrieb mehrmals bis ins Detail durchkalkuliert und immer wieder Varianten gesucht, um auf ein realistisches Budget zu kommen.»

Dies umso mehr, weil Rieder Darlehen aufgenommen hat «von Leuten, die ebenfalls an Liestal glauben und mir zutrauen, dass mein Projekt erfolgreich sein wird». In ihrem Businessplan rechnet Beatrice Rieder 2018 erstmals mit schwarzen Zahlen, wenn die Rathausstrasse in ihrem neuen, attraktiven Kleid daherkommt und sie grosszügig hinaus stuhlen kann. Sie sagt: «Ich vertraue darauf, dass Liestal dann neue Kunden gewinnen kann, auch wenn die über die Grenze und ins Internet Abgewanderten nie mehr ganz wettgemacht werden können. Und ich hoffe, dass ich mit dem ‹herzlich› auch einen Beitrag zu neuer Kundschaft leisten kann.»

Dabei dürfte auch ihr nächster Plan eine Rolle spielen: Rieder will ihr «herzlich» mit Kochkursen und einer mobilen Kochinsel, die auch draussen einsetzbar ist, zu einer «Wissensbörse» für die vegetarische, vegane und glutenfreie Küche machen.

Und Rieder wäre nicht Rieder, wenn sie die verbalen Blumen für ihren unternehmerischen Mut nicht umgehend weitergäbe: «Mein grösster Aktivposten ist mein Team. Ohne die engagierten Menschen in meinem Umfeld könnte ich meine Visionen nie realisieren.»

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