Kantonswechsel

Sie kämpfte für das Baselbieter Laufental: «Damals gab es nur schwarz oder weiss»

Sabine Asprion engagierte sich als Jugendliche an vorderster Front für den Kantonswechsel. Heute ist sie Stadträtin in Laufen – und blickt mit uns auf die aufregende Zeit des Wechsels zurück.

«Das war die Krönung der jahrelangen Bemühungen», sagt die Laufner SP-Stadträtin Sabine Asprion lächelnd. Sie betrachtet das Foto vom 12. November 1989 aus dem Laufner Stedtli. Fahnenschwenkend lief die damals 19-Jährige an der Spitze der Probaselbieter, die das knappe Ja der Laufentaler zum Anschluss an den Kanton Baselland feierten. Das Stimmrechtsalter lag damals bei 20 Jahren.

Obwohl sie nicht mitbestimmen konnte, setzte sich Asprion mit grossem Engagement und absoluter Überzeugung dafür ein, dass das Laufental zum Baselbiet wechselt. Sie schrieb Beiträge für das Blatt der Laufentaler Bewegung, den «Laufetaler». «Ich war eher die mit der Schreibfeder, nicht die mit den subversiven Aktionen», erzählt sie. Trotzdem: «Zwischen mutig und übermütig waren wir alles.»

Als Journalistin ausgegeben

Einmal habe sie sich gemeinsam mit anderen Probaselbietern auf eine Proberner Veranstaltung eingeschlichen. Um die Presseunterlagen zu erhalten, habe sie sich als Journalistin der «Basler Arbeiterzeitung» ausgegeben. «Als ich dann meinen Namen genannt habe, bin ich aber natürlich sofort aufgeflogen und ich habe die Pressemappe nicht bekommen», erinnert sie sich.

Asprion stammt aus einem politischen Elternhaus. Ihre Mutter war die erste Dittinger Gemeinderätin. Ihr Vater sass im Bezirksrat, dem Gremium, das den Anschlussvertrag ausgehandelt hatte. Das Waldsterben war ein Thema, man war bei der Anti-AKW-Bewegung dabei. «Insofern wurde ich nicht durch die Laufental-Frage politisiert. Bei vielen Familien war das anders. Leute, die sich normalerweise nicht viel aus Politik machten, investierten sehr viel Energie in den Abstimmungskampf. Das war sehr eindrücklich.»

Doch wie prägte die Frage nach der Kantonszugehörigkeit den Alltag im Tal? «Damals gab es nur schwarz oder weiss. Alles hat sich an der Laufental-Frage gemessen», erzählt die 48-Jährige. «Natürlich machte man sich auch Gedanken, wenn man sich zum Beispiel in jemanden verliebt hatte: Auf welcher Seite steht die Person bei der Abstimmung? Wenn auf der anderen – akzeptieren es die Eltern? Es war für Verliebte, die sich über den Graben hinweg gefunden hatten, wahnsinnig schwer.»

«Die Gräben von damals sind kein Thema mehr»: Sabine Asprion (48) im Laufner Stedtli.

Nicht nur im Zwischenmenschlichen war der Graben zwischen den beiden Lagern tief, sondern auch wirtschaftlich. Damals wäre es für viele undenkbar gewesen, in einem Laden einzukaufen oder bei einem Wirt zu essen, der nicht die eigene Überzeugung teilte. «Zehn bis 15 Jahre lang drehte sich die Politik intensiv um diese Frage. Jemand von ausserhalb sagte mir viel später, dass das Laufental dadurch andere politische Prozesse verpasst habe.»

Auch in der Schule war das Thema präsent: «Ich war gemeinsam mit Martin Schindelholz und Remo Oser, ebenfalls glühende Verfechter des Anschlusses an das Baselbiet, in einer Klasse. Wir besuchten eine bikantonale Klasse gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern aus dem Thierstein.

Die konnten nicht verstehen, wieso uns dieses Thema so wichtig war. Ein Lehrer, der ursprünglich Proberner war, kam kurz vor der Matura auf uns zu und sagte, dass er seine Meinung geändert habe. Das war ein grosser Moment für uns.»

Nachts das Festzelt bewacht

Am 12. November 1989 war es schliesslich so weit: Der Abstimmungssonntag war da. «Beide Lager hatten im Vorfeld in den Gemeinden wohl Posten installiert, bei denen beobachtet wurde, wer schon abstimmen war, und wer noch mobilisiert werden muss», erinnert sich Asprion.

«Wir hatten keine Ahnung, wie die Abstimmung ausgehen würde», erzählt die Probaselbieterin. Die Nacht vor der Abstimmung verbrachte sie gemeinsam mit Freunden beim Festzelt der Anschluss-Befürworter. Man wollte verhindern, dass das Zelt nachts von den Probernern beschädigt wird, sagt sie.

Am Abstimmungssonntag war das Zelt proppenvoll. Man hörte gemeinsam Radio und rechnete fieberhaft die Resultate der einzelnen Gemeinden zusammen. «Wir wussten genau, wie viele Stimmen wir noch brauchten. Der riesige Jubel im Zelt brach aus, bevor der Moderator den Satz mit den Zahlen aus der letzten noch auszuzählenden Gemeinde vollendet hatte», erzählt sie.

Feststimmung bei der Laufentaler Bewegung

Damals das grosse Jubeln, heute die Ernüchterung? «Ich habe mich später schon auch gefragt, ob es die richtige Entscheidung war, den Kanton zu wechseln. Aus kulturellen, sprachlichen und regionalpolitischen Gründen bin ich absolut überzeugt. Abgesehen davon muss ich aus heutiger Sicht sagen, hätte es ähnlich viele Gründe dafür wie dagegen gegeben. Heute beurteile ich die Laufental-Frage nicht mehr als Sachfrage, sondern als Frage der Emotionen.»

Auch ansonsten schätzt die Stadträtin die Lage 2018 nüchtern ein. Bestimmt sagt sie: «Für mich sind die Gräben von damals kein Thema mehr.»

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