Im Zweitakt

Sie knattern weiter! oder: Der goldene Lebensabend der Töffli

"Scooter sind seelenlos": Töffli-Buebe Allschwil.

"Scooter sind seelenlos": Töffli-Buebe Allschwil.

Die Töffli sind nicht totzukriegen. Weder als einzelnes Exemplar, noch als Gattung. Dafür sorgen ein paar Alt-Angefressene - aber nicht nur sie.

Es geht Seltsames vor in einem Amt im Kanton Baselland. Seit dem Jahr 2012 steigt die Zahl der Töffli plötzlich wieder an, nach Jahrzehnten des Rückgangs. 6880 Mofas zählte die Baselbieter Motorfahrzeugkontrolle im ersten Quartal 2015 – fast ein Viertel mehr als Ende 2008, als die Töffli in der Talsohle steckten. Nur noch etwas mehr als 5000 Stück von ihnen knatterten damals im Landkanton herum; in Basel-Stadt warens noch weniger. Seit ein paar Jahren vermehren sich die Dinger also wieder, und das erstaunt, denn sie werden fast nirgends mehr hergestellt. Die Töffli müssten längst den Weg der Dinosaurier eingeschlagen haben. Doch sie sträuben sich. Was ist da los?

Der zuständige Mitarbeiter der Motorfahrzeugkontrolle kann sich das Wachstum bei den Töfflizahlen auch nicht erklären. Darum tut er das, was Statistiker in solchen Fällen immer tun: Nachzählen und Stichproben durchführen. Und siehe da: Rund ein Drittel der Fahrzeuge entpuppt sich als E-Bikes. Was seine Richtigkeit hat: Die Velos mit Batterie gelten als Mofa, also als Motorfahrrad. Seit Mitte 2012 muss an jedem E-Bike, das schneller fährt als 25 Kilometer pro Stunde, ein Nummernschild angebracht sein – und findet so als Mofa den Weg in die Statistik.

Lampengitter und verchromte Rückspiegel

Fall geklärt? Nicht ganz. Die Renaissance der Töffli lässt zwar auf sich warten, aber zumindest hat sich ihre rasante Schleuderfahrt gebremst. Mehr noch: Es sieht danach aus, als erlebe das Töffli einen zweiten Frühling. Von einer Wiedergeburt im Stile der Vinyl-Platte will zwar niemand reden. Aber zumindest von einem langen goldenen Lebensabend.

Ein Alter in Würde – das wollen die Töffli-Buebe Allschwil ihren fahrbaren Untersätzen ermöglichen. Vor 13 Jahren haben die sieben Freunde, die sich bereits seit Schulzeiten kennen, den lockeren Verbund gegründet. Höhepunkt im Jahreskalender ist die Pfingstfahrt über die Alpen. Sozialisiert wurden die Buebe in den 1970er-Jahren. Es war die Blütezeit der Töffli. Die knatternden Zweiräder dienten damals als äusserst zuverlässige Zeigerpflanzen: Wo es Töffli hatte, hatte es Jugendliche – und umgekehrt. Deshalb wurde das Gefährt auch Pubertätsbeschleuniger genannt. Oder Sackgeld-Verdunster.

Jugendlich kommt Beat Lautenschlager daher, der Anführer der Töffli-Buebe. Der Wärmetechniker mit Jahrgang 58 trägt Jeans und Turnschuhe. Mit seinem Rossschwanz ginge er locker als Mundartrocker durch. Und so weit hergeholt ist der Vergleich nicht: Der Allschwiler ist Gelegenheits-DJ. Einmal im Jahr organisiert er unter anderem für ältere Semester eine «Grufti-Disco».

Riesiger Markt im Netz

Lautenschlager glaubt nicht nur an einen neuen Boom bei den Töffli – er und die anderen Buben spüren sie im eigenen Portemonnaie. «Es ist unglaublich», sagt Lautenschlager, «wie die Preise für Töffli und Ersatzteile gestiegen sind». Das sei vor allem deswegen ein Problem, weil fast nichts Neues mehr produziert werde. «Im Internet ist ein riesiger Markt entstanden. Jeder, der im Keller sein altes Rost-Töffli findet, meint nun, er könne dafür einen Fantasiepreis verlangen.» Lautenschlager hat recht: Auf Internet-Auktions-Plattformen wie Ricardo oder Ebay findet sich alles, was das im Zweitakt schlagende Herz begehrt, von der Anhänger-Kupplung über Lampengitter bis zum verchromten Rückspiegel. Den Grund für den Aufschwung vermutet Lautenschlager nur zum Teil bei der Nostalgie. Vielmehr sei das Töffli als zuverlässiges und günstiges Fortbewegungsmittel (wieder)entdeckt worden. «Und dann ist auch der Scooter-Boom schon wieder ein wenig vorbei», glaubt er. «Die Dinger sind ja auch nichts Besonderes. Ich würde sogar sagen: seelenlos.»

Die Zentrale der Töffli-Buebe ist ein ehemaliger Zivilschutz-Keller der Gemeinde an der Baslerstrasse hinter dem Schulhaus. In der Anlage haben die Freunde eine Werkstatt und ein Clublokal eingerichtet. Immer Samstagnachmittags treffen sie sich dort. Dann wird in den Räumen jeweils fleissig geschraubt, geölt, poliert, lackiert. Überall riecht es nach dem Abgas, das in dieser Form nur Töffli aushüsteln können: Ein Gemisch aus Öl und Benzin – typisch für Zwei-Takt-Motoren. Für manche ist es das beste Parfüm der Welt.

Ausfahrt mit DJ Bobo

Die Töffli-Buebe sind auch optisch Feinschmecker. Die sieben Freunde setzen sich nicht auf jeden Sattel – bei der Frage nach der richtigen Marke gibts scheele Blicke von der versammelten Fahrgemeinschaft. Schon immer gemieden hätten sie das Piaggio Ciao, wie sie einstimmig beteuern: «Ungestraft durften das nur Mädchen fahren», sagt Lautenschlager. Alle lachen. Besser ergeht es dem anderen grossen Klassiker, dem Puch Maxi: ein «Proletentöffli», sei das, heisst es, aber eigentlich ganz in Ordnung. Und so stehen auch im Clublokal in Allschwil ein paar Puch Maxi herum. Zum Fahrzeugpark gehören sodann: Zweiräder der Hersteller Pionier, Caravelle und Pony; von Pony besonders gut vertreten sind die Modelle Junior und Cross. Lautenschlagers Schatz ist aber ein Alpa Chopper. Etliche Teile des Gefährts sind mit Blattgold beschichtet. Das Gold-Töffli thront auf dem CD-Cover der Basler Band Bitch Queens. Und es durfte auch schon in einem Videoclip auffahren, neben DJ Bobo.

1000 neue Ponys pro Jahr

Pony ist eine Besonderheit in der Mofa-Historie. Zumindest bei der Kategorie, die hierzulande als Töffli gilt – also von einem Motor angetrieben wird, dessen Hubraum maximal 50 Kubik-Zentimeter gross ist. Denn es sind die letzten Töffli, die in der Schweiz hergestellt werden, und nicht nur das: Zusammen mit der slowenischen Tomos ist die Firma Amsler & Co im Zürcher Oberland die letzte Töffli-Produzentin Europas. Sein Unternehmen verkaufe seit Jahren rund 1000 Töffli im Jahr, sagt Firmenchef Paul Amsler. Unter den Kunden vermutet er Schüler mit abgelegenem Wohnort und Leute, jeden Alters, die ohne Mofa nicht mobil wären im Alltag. «Einen neuerlichen Boom spüren wir nicht», sagt Amsler. «Aber es werden viele Occasionen wieder in Betrieb genommen».

Das deckt sich mit den Beobachtungen von Ober-Töffli-Bueb Lautenschlager. Gerade Ältere würden sich an das Töffli erinnern, will er beobachtet haben. «Wer das Autobillett besitzt», sagt der Allschwiler, «muss nicht einmal eine Extra-Prüfung ablegen. Man kann – wo gibts denn so was noch? – einfach aufsteigen und losfahren.»

Meistgesehen

Artboard 1