Landesring

Sie machen weiter, als wäre nichts passiert: Die letzten Jünger der Migros-Partei

Man stelle sich vor, eine Partei geht ein, aber eine Handvoll Unerschrockene lässt sich davon nicht beeindrucken. So gibt es die Unabhängigen Pratteln – zwanzig Jahre nach der Auflösung des Landesrings der Unabhängigen – noch immer. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

Stirbt eine Partei, hinterlässt sie einen Berg Altpapier. Hat sie Glück, überlebt ihr Geist. Hat sie noch mehr Glück, führen ein paar Idealisten die Arbeit fort, als hätten sie nichts mitgekriegt. Das ist dem Landesring der Unabhängigen, dem LdU, in Pratteln passiert.

Heute vor zwanzig Jahren löste sich die Partei auf. Einst eine gefürchtete politische Kraft, sahen die LdU-Mitglieder keine Zukunft mehr nach den für sie miserabel ausgegangenen Nationalratswahlen. Der Parteitag am 4. Dezember 1999 in Aarau war der letzte. Der Zerfallsprozess hatte sich abgezeichnet. Wie andere Kantonalparteien segneten die Sektionen Basel-Stadt und Baselland das Zeitliche schon ein paar Jahre vor der nationalen Mutter. Im Frühling 1996 wurde die gemeinsame Geschäftsstelle an der Elisabethenstrasse in Basel aufgelöst. Alles musste weg: Karteikarten, Plakate, Mitgliederlisten, Jahresberichte, Kleber, Flyer, Tische, Stühle, eine Kaffeemaschine und ein paar graue Aktenschränke.

Einer dieser Schränke steht heute in Stephan Ackermanns Arbeitszimmer in Pratteln. Er hat ihn rot umlackiert. Der Grünen-Landrat weiss das Datum nicht mehr, als er beim Ausmisten des Sekretariats mithalf. Offiziell endete das Mietverhältnis für die Geschäftsstelle am 31. März 1996. «Den Schrank wollte niemand haben. So nahm ich ihn mit. Er war unglaublich schwer.»

Zwischen den Blöcken, zuerst sozial-liberal, dann immer grüner

Stephan Ackermann sieht sich noch immer in der Tradition des einst grossen LdU. Zwar ist er Mitglied der Grünen, die er auch im Landrat vertritt. Doch er machte seine ersten politischen Schritte beim LdU, in der Sektion Pratteln. Bei der ist Ackermann noch immer Mitglied. Nur heisst sie anders. Im Jahr 2000 nannte sie sich um, in Unabhängige Pratteln. Präsident: Rolf Ackermann, Stephan Ackermanns Vater.

Ackermann Senior kam über ein Ausschlussverfahren zum LdU. Er habe sich lange nach einer passenden Partei umgeschaut. «Ich ging zu zwei Versammlungen der SP. Doch die stritten sich elend. Das mochte ich nicht. Dann kandidierte ich bei der FDP für die Schulpflege. Aber eine Mitgliedschaft in dieser Partei kam für mich nicht in Frage. Auch nicht in der BGB, wie die SVP früher hiess. Die CVP hatte in Pratteln damals keine Bedeutung, und Grüne gabs noch keine. So ging ich zum Landesring. Ich habe es nie bereut.»

Migros-Gründer «Dutti» wollte mit den Kartellen aufräumen

Die Sektion Pratteln wurde 1968 gegründet. Das ist spät. Die Basler Sektion entstand im Dezember 1936, kurz nach der nationalen Partei. Im Baselbiet dauerte es länger. Der Baselbieter LdU erschien 1941 auf der Bildfläche, ging jedoch kurz darauf in der Demokratischen Partei auf. Erst zwei Jahrzehnte später trat er wieder in Erscheinung. Nach der gescheiterten Wiedervereinigung der beiden Basel in den 1970ern erbte der LdU die Bewegung der Fusionsbefürworter, die «Aktion Basel». So kam er zum einzigen Nationalratsmandat für den Landkanton.

Rolf Ackermann hat die Geschichte der Unabhängigen Pratteln akribisch aufgearbeitet und zu einem Heft gebunden. Es liegt auf dem Küchentisch des Ehepaars Ackermann, das in einem Mehrfamilienhaus im Osten Prattelns wohnt, mit Blick bis zum Prattler Rebberg und zum Geisswald. Zuvor hatten die Ackermanns in der Längi gelebt, später zogen sie in ein Zweifamilienhaus um. Doch die Frau ist nicht mehr so gut zu Fuss. «Wir brauchten einen Lift. Aber es gefällt uns hier sehr.»

Der LdU war seiner Zeit voraus. Die Partei labelte sich sozial-liberal, später kam das Prädikat grün hinzu – lange, bevor es Parteien mit Grün im Namen gab. In seinen ersten Jahrzehnten hatte der LdU das volle Gewicht seines geistigen Vaters: Gottlieb Duttweiler. Der Migros-Gründer wollte eine Partei, welche die Konsumenten vertritt und Kartelle aufbricht. Stets stand der LdU zwischen den Polen: nicht links, nicht rechts. Nach dem Tod Duttweilers 1968 wandelte sich der LdU definitiv zum sozial-liberalen Sammelbecken mit teilweise radikalen Forderungen: Ja zur EU, Nein zu AKWs, für den Schutz von Tieren und der Natur. Doch die Migros stellte langsam den Geldstrom ab.

Der LdU zog Persönlichkeiten an. Hansjürg Weder vertrat den Basler LdU zwölf Jahre im Nationalrat. Einer seiner Vorgänger war der Architekt Hans Bernoulli, ebenso Alfred Rasser, der Schauspieler (HD Läppli) vertrat jedoch den Aargau. Trudi Gerster politisierte für den LdU im Basler Grossen Rat, wie die Märchenerzählerin tat das Guy Morin. Der Alt-Regierungsrat war zwar nicht Partei-, jedoch Fraktionsmitglied. Auf die LdU-Liste geholt wurde Morin von Martin Vosseler. Der kürzlich verstorbene Naturschützer und Arzt sass ebenfalls im Basler Kantonsparlament.

Im Baselbiet zu nennen: Alder Claudius, einziger Baselbieter LdU-Nationalrat, und Philipp Schoch. Auch der grüne Landrats-Präsident 2016/17 wurde im Prattler LdU gross. Er und Stephan Ackermann übergaben am Parteitag 1990 in Aarau dem damals scheidenden Präsidenten ein Velo zum Abschied. Der Abtretende war Franz Jaeger, Professor in St. Gallen.

Misstrauisch gegen alles Neue»: In Baselland tat sich LdU schwer

Die Basler Sektion war einflussreich. Vor dem Zweiten Weltkrieg bildete der LdU die zweitstärkste Fraktion im Grossen Rat. 1988, bevor es langsam bergab ging, zählte der Basler Standesring, wie sich die Kantonalparteien auch nannten, 249 Mitglieder, die Schwester im Landkanton 159. Baselland ist generell ein harter Boden für neue Parteien. Der Bauern- und Arbeiterbund stellte schon 1905 fest, die Bewohner des Landkantons seien «äusserst misstrauisch gegen alles Neue».

Claude Longchamp bezeichnet die Partei als «Kind der politischen Disruption während der 1930er-Jahre». Der Politologe schreibt der bz, der LdU habe in hohem Masse von Parteigründer Duttweiler gelebt: «Dutti» habe unkonventionelle Bürger anzogen, aber auch Geld der Migros gesichert. «Ohne sein Charisma und den Mäzen im Hintergrund war der Landesring als Organisation rasch am Ende.» Der Bedarf an einer politischen Bewegung zwischen den ideologischen Blöcken sei jedoch weiterhin da, was verwandten Bewegungsparteien mit dieser Zielsetzung immer wieder Chancen eröffne. Eine dieser Parteien: die Grünliberalen.

In Pratteln so stark wie noch nie – auch ohne die Grünen

Rolf Ackermann will 2020, nach den Gemeindewahlen, das Präsidium abgeben. «Ich bin dann 76, es müssen nun Jüngere ran.» Um den Fortbestand der Unabhängigen fürchte er sich nicht. «Wir haben 31 Mitglieder, unsere Fraktion mit den Prattler Grünen hat sieben Einwohnerräte, seit 2016 stellen wir einen Gemeinderat». Die LdU-Stiftung, in der das Parteivermögen steckt, spricht gelegentlich Wahlkampf-Batzen. Den erhalten in der Schweiz noch ein halbes Dutzend andere Ortsparteien, die sich als LdU-Erben sehen.

Als Mitte der 1990er-Jahre beim LdU Baselland die Zeichen auf Sturm standen, fragte die «Basler Zeitung» bei Ackermann nach. Es gehe schon weiter, wurde er zitiert. Der Ldu sei einfach eine zu gute Partei. «Gebe es ihn nicht, müsste man ihn erfinden.»
Dass er den LdU neu erfinden wird, konnte er damals ja nicht ahnen.

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