Oper

Sir Mark Elder bringt «Parsifal» ins Goetheanum: «Bei Wagner muss Klang aus dem Innern kommen»

Momentan fühlt sich Sir Mark Elder noch wie ein Kapitän auf hoher See.

Momentan fühlt sich Sir Mark Elder noch wie ein Kapitän auf hoher See.

Der britische Wagner-Spezialist Sir Mark Elder bringt «Parsifal» nach Dornach – jene Oper, die Rudolf Steiner nachhaltig faszinierte. Was hat er vor? Ein Gespräch über Klänge, Feuer und Schweiss.

«Wie ein einziger Atem» sollen die 80 Minuten des 3. Parsifal-Aufzugs klingen. Das gibt Sir Mark Elder den Musikern des Sinfonieorchester Basel als Hausaufgabe auf den Weg, bevor er sie aus der ersten Probe im Kuspo Münchenstein entlässt.

Der britische Dirigent gilt als Wagner-Spezialist. Nun holt er mit der konzertanten Aufführung des 3. Aufzugs aus «Parsifal», der letzten Oper von Richard Wagner, den grünen Hügel nach Dornach. Kein Zufall: Rudolf Steiner hat sich intensiv mit dem Parzifal-Mythos auseinandergesetzt. Er pilgerte gar nach Zürich zur Villa Wesendonck (heute Museum Rietberg), wo Wagner am Karfreitag 1857 den Zusammenhang von Naturerwachen und dem Tod Christi am Kreuz realisierte. Ein Erlebnis, das als Initialinspiration für den Parsifal gesehen werden kann und sich musikalisch im 3. Aufzug als «Karfreitagszauber» spiegelt.
Wieso diese Musik für Sir Mark Elder zum Schönsten gehört, was je geschrieben wurde und warum trotzdem zwei musikalische Herzen in seiner Brust schlagen, verrät er im Interview.

Herr Elder, Sie haben einmal das Dirigieren mit Reiten verglichen. Ist das Sinfonieorchester Basel ein gutes Pferd?

Sir Mark Elder: Noch nicht. Das Orchester ist nicht so erfahren mit Wagner. Bei Wagner muss der Klang aus dem Innern jedes einzelnen Spielers kommen. Die Musik ist genuin symphonisch angelegt: Musikalische Entwicklungen entstehen aus der Tiefe der einzelnen Motive. Ein Orchester muss das mit Verständnis und Kenntnis spielen. Die Herausforderung für die Proben ist es, den Klang zu finden, sodass die Musik in einen organischen Fluss kommt. Dann kann ich auch entspannen und ihnen ein bisschen helfen. Aber im Moment fühle ich mich noch unvermeidlich wie ein Kapitän auf hoher See.

Was vermissen sie im aktuellen Klang des Orchesters?

Der Klang selbst ist schön, aber es geht um die Kontrolle des Klangs. Momentan sind alle noch mit den Noten und mit meinen Kommentaren beschäftigt. Aber wir sollten dahin kommen, dass sie nicht nur an den nächsten und übernächsten Takt denken, sondern über 4, 8, 16 Takte hinweg phrasieren. Das werden wir hoffentlich in der Aufführung erreichen. Und es ist wundervoll, dass wir in Dornach spielen.

Kennen Sie Dornach?

Noch nicht. Aber ich weiss alles darüber. In England gibt es viele Steiner Schulen. Ich habe viel darüber gehört. Es ist wunderbar, dass Steiner Parsifal so sehr mochte und wollte, dass das Werk dort gespielt wird. Endlich wird dieser Wunsch umgesetzt.

Sie kennen sich sehr gut mit Wagner-Opern aus. Welchen Wert hat Parsifal für Sie in dieser Reihe?

Parsifal ist das letzte Stück, das er geschrieben hat, speziell für Bayreuth. Er hatte dort bereits den ganzen Ring gemacht und kannte die Akustik sehr gut. Wie er für das Orchester komponiert hat, ist besonders. Die Instrumentengruppen bleiben ziemlich separiert. Es gibt zum Beispiel eine schöne Phrase, die nur vom Blech gespielt wird, gefolgt von einer Antwort von den Streichern.

Wo haben Sie den Parsifal zum ersten Mal gehört?

In Bayreuth im Jahr 1968. Bis heute kann ich mich an den Klang in dieser speziellen Akustik erinnern, so sehr hat es mich beeindruckt. Später habe ich dort selbst die Meistersinger dirigiert. Durch den geschlossenen Graben im Festspielhaus ist es allerdings sehr schwierig. Man muss den Sängern immer voraus sein. Sonst klingt es falsch. Für mich war das damals schwierig. Aber es ist okay. Das ist lange her.

Hat dieses erste Erlebnis Ihre Wagner-Interpretation beeinflusst? Versuchen Sie sich dem Bayreuther Klang anzunähern?

Ja absolut. Ich lege grossen Wert auf die Klangmischung und -balance. Und auch auf die Qualität des Nachklangs. Es muss natürlich alles sauber gespielt sein. Aber es ist nicht gut, wenn ein Instrument lauter klingt als das andere. Manchmal sage ich den Musikern, es muss wie eine Orgel klingen, schön gleichmässig. Der dritte Aufzug gehört meiner Meinung nach zur schönsten Musik, die überhaupt existiert. Er ist aussergewöhnlich und emotional berührend. Für die Sänger – besonders für Gurnemanz und Parsifal – ist es ein Vorteil, nur den dritten Aufzug zu singen. Da sind sie frisch und haben nicht bereits schon zwei Aufzüge hinter sich.

Neben Wagner haben Sie auch eine grosse Leidenschaft für Verdi. Gibt es eine Verbindung zwischen den beiden?

Sie wurden im gleichen Jahr geboren. Das wars. Und als Verdi starb, hatte er eine Lohengrin Partitur neben seinem Bett. Für mich persönlich bedeuten sie zwei Seiten meines künstlerischen Lebens, zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen im Herz und im Körper.

Inwiefern?

Wenn ich Parsifal dirigiere brauche ich für drei Akte ein Hemd. Bei Verdi brauche ich für drei Akte drei Hemden. Das ist das Besondere an der italienischen Musik: Sie ist sehr körperlich und leicht entzündbar, wie ein Streichholz. Bei jeder Aufführung muss man sie neu zum Aufflammen bringen.

Der 3. Aufzug von Parsifal im Goetheanum: 30. März 2018, ab 18 Uhr, Goetheanum Dornach. 

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