Im ersten Moment kann man sich kaum ein trockeneres Thema vorstellen. Es geht um Verwaltung, Zuteilung und Archivierung von Buchhaltungs- und Unternehmensdokumenten. Dahinter aber steckt viel mehr. Mithilfe von künstlicher Intelligenz soll die Cloudlösung «doXeo» endlich Schluss machen mit dem mühsamen Papierkram – und so Tausende KMU-Betriebe entlasten.

Geschaffen wurde «doXeo» von der Firma Parashift, beheimatet in einem modernen Bau im Gewerbegebiet eingangs Sissach. Die Firma ist erst kürzlich von der deutschen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins «Forbes» als eines der 30 vielversprechendsten Fintech-Start-ups in Europa bezeichnet worden. Das Portal «Fintechnews» nennt es gar eine der zehn wichtigsten Neugründungen im Bereich künstliche Intelligenz.

Zeit ist Geld. Gerade in der Wirtschaft

Doch zurück zum Anfang: Erhält eine Firma heute mit der Post eine Rechnung, wird diese vom Sekretariat an die Buchhaltung weitergeleitet, wo die Rechnung geprüft wird. Dann geht sie weiter an die zuständige Abteilung. Dort wird etwa kontrolliert, ob die bestellte Ware vollständig ist und mit der Rechnung übereinstimmt. Sie geht wieder zurück an die Buchhaltung, wo sämtliche Daten von Hand eingetippt werden, bis die Rechnung bei den Belegen abgelegt werden kann. Das alles braucht viel Zeit. Und Zeit ist Geld. Gerade in der Wirtschaft.

Doch damit könnte schon bald Schluss sein. Parashift macht sich daran, von Sissach aus die Wirtschaft von dem verhassten Papierkram zu entlasten. «Die Buchhaltung ist doch für alle ein Graus», sagt Alain Veuve. Er ist Geschäftsführer, Gründer und eigentlicher Kopf hinter Parashift. Seine Firma hat ein System entwickelt, das automatisch Geschäftsbelege aller Art erfasst, interpretiert und im digitalen Archiv ablegt. So wird eine Rechnung eingescannt, worauf das stetig dazulernende System die einzelnen Posten automatisch erkennt und erfasst. «Das ist als Start-up vielleicht nicht so sexy wie etwa eine Dating-Seite», sagt
Veuve. «Heute aber sind weltweit Millionen damit beschäftigt, Daten einzutippen. Diese Zeit kann man besser einsetzen.»

Aufgewachsen in Gelterkinden, hat sich Veuve schon immer für Technik interessiert. Nach der Handelsmittelschule eröffnete er bereits mit 20 Jahren in Sissach ein Computergeschäft. Mittlerweile hat der 42-jährige Familienvater Dutzende Start-ups gegründet, ist gleichzeitig an mehreren Firmen beteiligt. «Für mich ist das nach wie vor ein Hobby», sagt der Softwarespezialist. «Unser Herz schlägt für die Technik und für die Ziele, die wir uns setzen.»

Investoren und Kunden: Aufwand hat sich gelohnt

Dem Oberbaselbiet ist Veuve bis heute treu geblieben. Sissach eigne sich durchaus für ein Start-up im Bereich der Finanztechnologie. Man sei von hier aus rasch in allen grossen Deutschschweizer Städten, wirbt Veuve für seine Heimat. Auch sei es kein Problem, gute Leute anzustellen. «Hier arbeiten sehr helle Köpfe mit teilweise bemerkenswerten akademischen Laufbahnen», sagt er. Zu dem 20-köpfigen Team zählen Mitarbeiter aus Neuseeland, Indien, Deutschland, Polen und aus der Schweiz. In der Nordwestschweiz gebe es eben auch wenig Konkurrenz.

Rund zwei Jahre wissenschaftliche Grundforschung hat Parashift in sein System «doXeo» gesteckt. Es wurde mit Tausenden von unterschiedlichsten Rechnungen und Belegen trainiert. So hat es gelernt, die Dokumente zu erkennen und zu interpretieren.

Der Aufwand hat sich gelohnt. In diesem Jahr ist Parashift an den Markt gegangen, wozu eine breiter abgestützte Finanzierung nötig war. Investoren liessen nicht lange auf sich warten. Die Bank Baumann & Cie, Jaquet Partners und die Fiba-Gruppe wurden als Geldgeber gewonnen. «Alles Investoren aus der Region», betont Veuve. Und auch auf Kundenseite sei das Interesse gross– und damit der Start geglückt.

Derzeit «trainieren» die Mitarbeiter von Parashift das System, damit es viele weitere Dokumente erkennen und bearbeiten kann – Mietverträge, Lieferscheine oder auch Pässe. «Der Lerneffekt der künstlichen Intelligenz ist überraschend gross», so Veuve. «Wir stehen hier aber erst ganz am Anfang.»