Dieses SMS sollte Anita Biederts Leben ruinieren. Seit dem 1. Juni 2012 hat die Muttenzer Seklehrerin ihre Stelle verloren, ihren Mut und auch fast ihr Leben, als sie dem Ganzen ein Ende bereiten wollte – mit einem Sprung vor einen Zug. Sie sprang schliesslich nicht, und jetzt sitzt sie in den Redaktionsräumlichkeiten der bz – mit dem Papierstapel, der ihr Drama dokumentiert. Die 61-jährige Muttenzerin weint, aber sie lebt. Und sie sagt: «Ich will Klarheit. Ich bin keine Rassistin, als die ich hingestellt worden bin.»

«Vergiss den CH-Pass bei deinen Deutschkenntnissen.» Das war der verhängnisvolle Inhalt der Kurznachricht, welche die Mathematik-Lehrerin an diesem 1. Juni vor zwei Jahren an ihren sri-lankischen Schüler schickte. «Vielleicht etwas ungeschickt», sagt Biedert heute, gewiss. Der Schüler aber, den sie ansonsten sehr mochte, hatte sie ungeheuerlich provoziert.

Er hatte die Schule geschwänzt und einem Mitschüler geschrieben: «Schuel schisst mi a, ich chum nid.» Seiner Lehrerin hatte er vorgelogen, er wolle sich in Liestal den Schweizer Pass ausstellen lassen. Da platzte Biedert der Kragen: «In diesem Alter stellen doch die Sekschüler die Weichen für das Arbeitsleben. Wer unzuverlässig ist, hat keine Chance», sagt sie.

Aufsatz über die Lehrerkollegin

Ein paar heisse Sommertage zogen nach dem Vorfall ins Land, die Wogen schienen geglättet. Per Handschlag hatte Biedert im Beisein des Schulhausleiters die Sache mit dem damals 16-jährigen Schüler besiegelt. Und trotzdem spürte sie im Lehrerzimmer: Irgendwas hatte sich verändert.

Die Lehrerkollegen hatten die Episode aufgeschnappt. Sie argwöhnten ohnehin: Schliesslich politisiert Biedert in der SVP und sitzt in Muttenz in der Gemeindekommission. Im linkslastigen Lehrerkollegium hat man da Exotenstatus. Es begann, wie Biedert sagt, eine Hexenjagd. Eine Lehrerkollegin liess ihre Schüler einen Aufsatz schreiben mit dem Titel: «Frau Biedert und die Ausländer.»

Die damalige Margelacker-Schulleitung lud Biedert zu einem Gespräch ein und warf ihr Rassismus vor. Die Lehrerkollegin schwärzte Biedert an: Sie könne nicht mehr unterrichten, solange die rassistische Kollegin hier sei. Im Muttenzer Margelacker-Schulhaus will zu diesen Vorwürfen heute niemand Stellung nehmen. Der Schulratspräsident Beat Eglin verweist auf das laufende Verfahren.

Dokument nachträglich bearbeitet

Der Schulleiter informiert am 18. Juni 2012 das kantonale Personalamt, welches das SMS als Grund für eine Entlassung taxiert. Drei Tage später folgt wieder ein Gespräch zwischen Anita Biedert und der Schulleitung. Dieses Mal soll Biedert ein Dokument unterzeichnen – nur dann müsste sie keine «weiteren Konsequenzen» fürchten. Auch dieses Papier liegt der bz vor.

Ausriss aus dem Dokument, das Biedert im Juni 2012 unterzeichnen sollte. Damit hätte sie zugegeben, «rassistische Aussagen» gemacht zu haben (Namen verwischt).

Ausriss aus dem Dokument, das Biedert im Juni 2012 unterzeichnen sollte. Damit hätte sie zugegeben, «rassistische Aussagen» gemacht zu haben (Namen verwischt).

Von Biedert wurde es nie unterzeichnet. «Warum auch?», fragt sie. Und wieder: «Ich bin doch wegen dieser einen Kurzmeldung nicht rassistisch.» Unterschrieben wurde das Dokument nur vom damaligen Schulleiter sowie dem Schulhausleiter – zunächst. Als Biedert das Dokument am gleichen Tag in ihrem persönlichen Fach holen lassen will, staunt sie nicht schlecht: Das Papier war im Nachhinein bearbeitet und mit dem Vermerk «Entwurf, in Bearbeitung, noch nicht im Personaldossier abgelegt» versehen worden. Die Unterschriften des Schulleiters und des Schulhausleiters waren plötzlich wieder weg.

Am 21. Juni 2012 kommt es zu einem vorläufigen Ende von Biederts 38-jähriger Lehrerkarriere – nur noch ein Häuflein Elend, lässt sie sich in die Psychiatrie einweisen. «Ich wollte nicht mehr leben und überlegte mir, wie ich dem Ganzen ein Ende bereiten kann. Ich war nahe dran, mich vor einen Zug zu werfen.» Sie sah gewissermassen ihr Lebenswerk in Gefahr, fast vier Jahrzehnte habe sie alles ihrer Lehrertätigkeit untergeordnet. «Ich war streng, aber beliebt», ist sie überzeugt.

Die Schlammschlacht weitet sich aus

Während die Welt sich im Sommer 2012 weiter dreht, steht sie für Biedert still. «Zurück zur Arbeit zu gehen, war unmöglich», sagt sie. Die Gerüchteküche brodelte mittlerweile in ganz Muttenz. Es ist zum Leidwesen Biederts nicht nur ihr Arbeits-, sondern auch ihr Wohnort. Beim Coiffeurbesuch musste sie erfahren, wie das Dorfgeschwätz sich hochgeschaukelt hatte: «Es gab da die Geschichte, dass ich jemanden einen Scheissneger geschimpft hatte.» Biedert traute sich in Muttenz kaum mehr auf die Strasse.

Über ein Jahr ist Biedert arbeitsunfähig – im letzten Herbst erhält sie die Kündigung. Der aktenkundige Grund für die Auflösung des Arbeitsverhältnisses: Sie sei zu lange krankheitsbedingt weg gewesen. Sie selbst vermutet einen anderen. Auf der einen Seite das Parteibüchlein. Auf der anderen Seite aber auch den Argwohn des Schulrats gegenüber einer derart «dynamischen Lehrkraft».

Die Schlammschlacht weitet sich aus. Fernab von der Öffentlichkeit zwar, aber mittlerweile mit einer Wirkung bis ganz nach oben. Der Baselbieter Bildungsdirektor Urs Wüthrich sieht sich gezwungen, sich persönlich um den Fall zu kümmern. Am 18. Dezember 2013, so protokolliert Anita Biedert, gibt es ein Gespräch zwischen Wüthrich, dem Muttenzer Schulratspräsidenten und Anwälten. Biedert glaubt, Licht am Ende des Tunnels zu sehen: «Der Bildungsdirektor hat mir damals persönlich versprochen, sich nach einer neuen Stelle für mich umzusehen.» Seither wieder: Funkstille.

Die Politik schaltet sich ein. Das Einzelschicksal habe «Hunderttausende Franken Steuergelder» an Anwaltskosten vernichtet, wie ein empörter Landrat in einem vertraulichen Brief an Wüthrich schreibt. Eine Subkommission der landrätlichen Geschäftsprüfungskommission (GPK) ist zudem daran, den Fall aufzurollen.

«Lernen, zu hoffen»

Die Subkommission der GPK steht vor einer Herkulesaufgabe. Die Milizpolitiker müssen sich abends nach Feierabend durch die unzähligen Bundesordner pflügen, deren Aktenmaterial diese Angelegenheit gefüllt hat. Sie müssen die Frage beantworten: War die Kündigung Anita Bieders rechtens? Welche Rolle spielte die Bildungsdirektion? Und zu guter Letzt: Wie kam es zum vorerst letzten und sonderbarsten Zufall dieses bis heute unter Verschluss gehaltenen Falls?

Im September 2012 reichte Biedert Strafanzeige gegen den ehemaligen Muttenzer Schulleiter, den früheren Schulhausleiter sowie gegen die Lehrerin ein, die sie angeprangert hatte. Sie wirft ihnen Ehrverletzung, Nötigung zur Unterschrift und üble Nachrede vor. Kurz darauf aber, sie hatte nicht mehr damit gerechnet, klappt es endlich mit dem lang ersehnten neuen Arbeitsvertrag. Ab Sommer 2014 darf sie an der Sek in Liestal unterrichten. Nur: Es ist ein befristeter Kontrakt mit deutlicher Lohneinbusse im Vergleich zu dem, was sie in Muttenz verdient hat. Und obendrein gibt ihr zu denken, was die Staatsanwaltschaft offenbar über den Fall weiss: «Sie kontaktierte mich und schlug mir vor, dass ich die Anzeige zurückziehe, um den Arbeitsvertrag unterzeichnen zu können. So viel», so Biedert, «zur Gewaltentrennung im Baselbiet.»

Trotzdem: Im Sommer wird sie tun dürfen, was sie in ihrem ganzen Leben immer am leidenschaftlichsten getan hat – unterrichten. Hat sie die Hoffnung auf einen versöhnlichen Abschluss? «Ich weiss nicht. Das Gefühl, so etwas wie Hoffnung in mir zu tragen, kenne ich ja nicht mehr. Ich habe die letzten zwei Jahre sehr gelitten. Vielleicht ist es wie bei so vielem ein Lernprozess. Ich muss lernen, zu hoffen.»