Noch nie sind so viele Zuschauer vor dem Metalldetektor des Baselbieter Strafjustizzentrums in Muttenz angestanden. Es sind doppelt so viele wie beim bisher grössten Prozess im vor fünf Jahren eröffneten Gerichtsgebäude. Damals ging es um den lokalen Machtkampf zweier verfeindeter Kickbox-Gangs. Diesmal geht es um eine universelle Fragestellung. Sie lautet: Welchen Stellenwert hat das Recht auf Leben? Und welchen Stellenwert hat das Recht, über den eigenen Tod zu bestimmen?

Blickt man in den Zuschauerraum, in dem der Strafprozess gegen Sterbehelferin Erika Preisig per Video übertragen wird, sieht man vierzig sorgenvolle Gesichter. Die meisten Prozessbeobachter sind in einer Lebensphase, in der ihnen die existenziellen Fragen besonders nahe sind. Es sind vor allem Senioren in Sandalen und gemusterten Kurzarmhemden. An diesem Tenü erkennt man die Fangemeinde der Angeklagten. Einer trägt über der linken Brust einen Anstecker mit einem hölzernen Herzen und der Aufschrift «Sterbehilfe».

Liebe für die Sterbehilfe

Preisig ist eine Ärztin, die polarisiert. Ihre Unterstützer sehen sie als Menschenrechtsaktivistin. Ihre Gegner bezeichnen sie als «Doktor Tod».

Der Richter attestiert ihr «einen missionarischen Eifer». Dazu sagt sie: «Ich setze mich missionarisch im Ausland ein.» Soeben sei sie in Kanada an einem Kongress vor über 200 Ärzten aufgetreten. An Veranstaltungen wie dieser engagiere sie sich dafür, dass die Freitodbegleitung weltweit akzeptiert werde und niemand mehr dafür in die Schweiz reisen müsse. Zu ihr.

Doch in den vergangenen drei Jahren hat sie den grössten Teil ihrer Energie nicht für ihre weltweite Mission einsetzen können. Aufgezehrt wurde ihre Kraft durch ihren Verteidigungskampf in ihrem Heimatkanton.

Die Baselbieter Staatsanwaltschaft hat sie wegen vorsätzlicher Tötung angeklagt. Der Vorwurf: Sie soll einer urteilsunfähigen Frau eine Infusion mit dem Sterbemittel Natrium-Pentobarbital gesetzt haben.

Wenn Preisig über ihre Mission spricht, klingen ihre Worte feierlich und ein sanftes Lächeln erscheint auf ihrem kantigen Gesicht. Wenn Preisig über die Vorwürfe sprechen muss, klingen ihre Worte verzweifelt und sie presst ihre Lippen zu einer Linie zusammen. Ihre Stimme bricht. «Entschuldigen Sie, wenn ich emotional werde», sagt sie, «aber so ein Gerichtsverfahren wie jetzt ist das Schlimmste, was einer Ärztin passieren kann.»

Diesmal geht es um ihre Existenz. Eine Verurteilung würde wohl ein Berufsverbot bedeuten.

In die verzweifelte Situation ist die Ärztin durch eine verzweifelte Situation vor drei Jahren gekommen. Damals verweigerten ihr Fachleute aus ethischen Gründen die Unterstützung. Psychologen kündigten die Zusammenarbeit mit ihr und stellten ihr keine Gutachten mehr aus.

Grundsätzlich darf in der Schweiz jede Person die Dienste einer Freitodorganisation in Anspruch nehmen, die urteilsfähig ist. Sie muss also in der Lage sein, die Folgen ihres Entscheids beurteilen zu können. Bei Menschen mit psychischen Krankheiten muss die Urteilsfähigkeit gemäss einem Leitentscheid des Bundesgerichts speziell geprüft werden. Es genügt nicht, dass wie in normalen Fällen ein Hausarzt ein Attest ausstellt, sondern es muss ein Spezialist, ein Psychiater oder ein Neurologe beigezogen werden.

Früher übernahmen Fachärzte der Basler Memory Clinic diese Aufgabe für Preisig. 2016 fand jedoch ein Umdenken statt. Der Chefarzt erklärte ihr, er sei nicht mehr bereit, reihenweise Leute in den Tod zu schicken. So kam Preisig in die verzweifelte Situation. Um zu verhindern, dass eine Patientin sich selber umbringen würde, entschloss sie, ihr auch ohne psychiatrisches Gutachten zu helfen.

Trotzig schrieb Preisig in den ärztlichen Rapport, sie sei nicht bereit, auf Freitodbegleitungen zu verzichten, weil Psychiater wegen ethischer Bedenken die Zusammenarbeit verweigerten. Und trotzig erzählt sie nun vor Gericht, was passiert ist, nachdem die Staatsanwaltschaft das Strafverfahren eröffnet und Preisig deshalb in heiklen Fällen wie diesen keine Unterstützung mehr angeboten hatte. Fünf Patienten hätten sich danach für einen «harten Suizid» entschieden. Sie erschossen sich, stürzten sich in die Tiefe oder ertränkten sich. Wieder stockt Preisigs Stimme. Das Schlimmste in ihrem Beruf sind für sie nicht die Hunderten Patienten, die durch ihre Infusion sterben, sondern die vielen Leute, denen sie diesen Ausweg nicht anbieten konnte.

Urteil über eine Abwesende

Die Schwierigkeit dieses Strafprozesses besteht darin, dass die Frau, um die es eigentlich geht, nicht mehr befragt werden kann. Es ist Frau Meyer (Name geändert), eine 66-jährige Schweizerin, die ihr Leben im Altersheim nicht mehr aushielt, vor allem ihr Leben mit chronischen Schmerzen. Sieben Jahre lang liess sie sich von zig Ärzten untersuchen, keiner fand eine Diagnose, die sie zufriedenstellte. Keiner fand eine körperliche Ursache für ihr Leiden. Deshalb setzte sich in ihrer 1000-seitigen Krankheitsgeschichte die Diagnose Somatisierungsstörung durch. Sie bedeutet, dass die Schmerzen psychisch bedingt sein müssen. Wie genau, weiss man nicht, denn Frau Meyer fühlte sich von den Psychiatern missverstanden. Sie hätten sie nur mit Medikamenten vollstopfen wollen, klagte sie.

Was war in diesem Fall wichtiger, das Grundrecht zu leben oder zu sterben? Acht Stunden lang werden am ersten Verhandlungstag Zeugen, ein Psychiater und die Angeklagte befragt.

Nur fünfzehn Sekunden lang spricht die Frau, um die es eigentlich geht, die verstorbene Patientin. Ein Weibel schaltet den Beamer an. Auf der weissen Tapete des Gerichtssaals erscheinen die fünfzehn letzten Sekunden im Leben von Frau Meyer. Sie liegt auf einem Bett und spricht in eine Videokamera, warum sie sterben will: «Weil ich meine Schmerzen nicht mehr haben möchte und froh bin, von der Welt gehen zu können.»