Corona-Pandemie

So schadet Corona der Regio-Wirtschaft: 6 Antworten auf die wichtigsten wirtschaftlichen Fragen

Nicht alle leiden unter Corona: Baugewerbe und Pharma (im Bild die Grid-Baustelle in Allschwil) zeigen sich solide.

Nicht alle leiden unter Corona: Baugewerbe und Pharma (im Bild die Grid-Baustelle in Allschwil) zeigen sich solide.

Die Pandemie wird 2020 in beiden Basel rund 1,5 Milliarden Franken vernichten. Wir beantworten die wirtschaftlichen Fragen zur Krise.

1 Die Coronakrise trifft auch die Region Basel hart. Wie wird die Situation Ende 2020 aussehen?

Schweizweit sehen die Prognosen für 2020 einen Rückgang des Bruttoinlandprodukts (BIP) von rund 6 Prozent voraus. Dies unter der Annahme, dass es zu keinem ausgeprägten weiteren Coronapeak und keinem zweiten Lockdown kommt. Die Region steht relativ gut da: Für Baselland sieht das Basisszenario von BAK Economics einen BIP-Rückgang von knapp 4 Prozent voraus. Dies entspricht bei einem BIP von 20 Milliarden pro Jahr einem Wertschöpfungsverlust von 800 Millionen Franken. Noch glimpflicher kommt Basel-Stadt davon: Hier soll das reale BIP 2020 laut BAK Economics um zwei Prozent abnehmen. Dies entspricht bei einem BIP von zuletzt 37 Milliarden einem Rückgang von knapp 750 Millionen. Demnach würde Corona in beiden Basel 2020 1,55 Milliarden Franken vernichten.

2 Wie ist dieser wirtschaftliche Abschwung einzuordnen?

Das ist der massivste Einbruch seit der Ölkrise in den 70er-Jahren. Corona treffe die Realwirtschaft breiter und intensiver als die Finanzkrise 2008, sagt Thomas Stocker, zuständig für Wirtschaftspolitik bei der Standortförderung Baselland. Allerdings ist man während des Lockdowns noch von gravierenderen Verwerfungen ausgegangen. Auch wenn es derzeit bei einem Blick auf die Strasse so wirke, als gehe die Wirtschaft ihren gewohnten Gang, so werde Corona die regionale Wirtschaft strukturell wohl verändern, betont Stocker.

3 Wie wirkt sich der Abschwung auf die Arbeitslosigkeit aus?

Ende 2019 lag die Quote im Baselbiet bei 1,9 Prozent – dem tiefsten Wert seit über einem Jahrzehnt. Bis Ende Juni ist diese auf 2,7 Prozent angestiegen. Stocker rechnet damit, dass die Arbeitslosigkeit in den kommenden Monaten weiter zunehmen wird. Denkbar seien Werte wie zur Zeit der Finanzkrise; im Jahresmittel 2009 lag die Quote bei 3,3 Prozent. Laut Stocker entwickle sich die Arbeitslosigkeit im Baselbiet im Einklang mit dem nationalen Trend, allerdings auf unterdurchschnitt­lichem Niveau. Ähnlich stark ist im ersten Halbjahr 2020 die Zahl der Arbeitslosen in Basel-Stadt gestiegen. Und zwar von rund 3250 auf 4160. Dies entspricht einer Arbeitslosenquote von 4 Prozent. Auch in der Stadt rechne man mit einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit, sagt Samuel Hess, Bereichsleiter Wirtschaft im Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA).

4 Drohen viele Firmenpleiten?

Es sei noch keine Konkurswel- le in Sicht, betont Stocker. Was auch daran liegt, dass die Höchstbezugsdauer der Kurzarbeit vom Bundesrat von 12 auf 18 Monate verlängert wurde. Der Kanton Baselland bearbeitete im Frühling 5000 Kurzarbeitsgesuche; betroffen waren 51000 Menschen, was rund 40 Prozent aller Beschäftigten im Kanton entspricht. Im Kanton Basel- Stadt waren Ende Juni laut AWA gar 95000 Angestellte für Kurzarbeit angemeldet. Allerdings sind darin Personen einge­rechnet, die für eine Firma mit Hauptsitz in Basel-Stadt in einem anderen Kanton arbeiten. Laut Kurzumfrage der Standortförderung Baselland beurteilten vor den Sommerferien 30 Prozent der Unternehmen den Geschäftsgang als gut (auf oder über Vorjahresniveau), jeweils 35 Prozent sahen diesen unter dem Vorjahr oder gar als kritisch wegen der Coronakrise. «Die Stimmung unter den Firmen ist besser, als dass man aufgrund der Schreckensmeldungen der vergangenen Monate annehmen könnte», sagt Stocker. Zudem sähen die jüngsten Konjunkturindikatoren, etwa der Konjunkturforschungsstelle KOF, nicht schlecht aus. Immerhin beurteilen in der Umfrage 20 Prozent die Perspektiven für 2021 als gut; 43 Prozent äussern sich verhalten, 37 Prozent negativ.

5 Weshalb stehen die beiden Basel relativ gut da?

Stabilisierend wirkt der Life- Sciences-Cluster. Schaut man nur auf die nackten Zahlen, so hat Corona hier kaum Spuren hinterlassen. So helfen die kräftig gestiegenen Exporte der chemisch-pharmazeutischen Industrie zwischen Januar und Mai 2020 sogar, die Exportbilanz trotz herber Verluste in anderen Branchen insgesamt ins Positive zu drehen. Die Branchenstruktur habe die negativen Auswirkungen der Krise gedämpft, sagt Samuel Hess vom Basler AWA. Die wirtschaftliche Bedeutung der Life-Sciences-Branche ist riesig: In Basel-Stadt erwirtschaften alleine Chemie und Pharma rund 44 Prozent der gesamten Wertschöpfung. Die Life Sciences hätten sich als sehr krisenresistent erwiesen, betont auch Thomas Stocker. Noch resistenter als in der Finanzkrise, als Finanzierungsengpässe die Branche bremsten. Stabilisierend wirkt ferner die gute Auftragslage im Baugewerbe. Die Gastronomie und Hotellerie, aber auch der Event- und Freizeitbereich, die von Corona hart getroffen wurden, spielen im Baselbiet ei- ne weniger prägende Rolle. Im Stadtkanton ist die Betroffenheit dieser Branchen höher. Ebenfalls stark unter Corona leidet die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie. Diese werde in der Diskussion in der Region oft vergessen, betont Hess. Die Wertschöpfung der MEM- Industrie ist in unserer Region im landesweiten Vergleich aber unterdurchschnittlich.

6 Baselland hat als einer von wenigen Kantonen Soforthilfen an KMU in Not gesprochen. War das Paket rückwirkend nötig?

Der Kanton hat rund 5100 Gesuche von KMU bewilligt und dafür 39,7 Millionen Franken gesprochen. Thomas Stocker ist überzeugt, dass das Hilfspaket sehr wertvoll für die regionale Wirtschaft und per Saldo auch aus Sicht des Kantons nützlich war. «Wenn nur ein Teil dieser KMU ohne Hilfe in Konkurs gehen würde, wäre das für den Kanton und die Gesellschaft auf lange Sicht teurer.» Umgekehrt ist Stocker überzeugt, dass mit der Soforthilfe kein Strukturerhalt betrieben worden sei. Dafür sei der gesprochene Betrag – maximal 10'000 Franken pro Unternehmen – dann doch zu klein. Er räumt aber ein, dass wohl das eine oder andere KMU Unterstützung gekriegt habe, das nicht unbedingt darauf angewiesen gewesen sei. Dies sei der Preis dafür gewesen, dass das Instrument rasch und un­bürokratisch eingesetzt werden konnte. Unschön sei zudem, dass es für die vielen Firmen, die über die Kantonsgrenzen tätig sind, aufgrund der unterschiedlichen Regeln zu Unklarheiten gekommen sei. Lobend erwähnt Stocker, dass nur knapp die Hälfte der grundsätzlich berechtigten Firmen um kantonale Hilfe ersucht habe: «Dies zeigt, dass die Firmen sehr sorgfältig und verantwortungsvoll damit umgegangen sind.»

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