In Wintersingen spuckt sogar der Weltmeister: «Ich weiss überhaupt nicht, warum die alle Anlauf nehmen», sagt Daniel Brunner aus Mont-Vully FR, Schweizer Meister im Kirschensteinspucken, auf Nachfrage. Denn er spuckt aus dem Stand über 20 Meter; wer ihn beobachtet, sieht Kiefer- und Zungenmuskulatur hinter dem geschlossenen Mund hoch konzentriert arbeiten, bevor der Stein in Bruchteilen von Sekunden hervorschiesst und die hellblaue Plane auf der Wiese entlangrutscht: Gemessen wird nämlich wie beim Boule dort, wo der Stein liegen bleibt, nicht, wo er aufkommt. «Der Mensch niesst mit 250 Stundenkilometern. Mit welcher Geschwindigkeit nimmt er Anlauf? «Fünf Stundenkilometer vielleicht?», erklärt Brunner seine Philosophie. Der Anlauf erhöhe nur das Risiko, neben die Bahn zu spucken.

Chirsifescht - Chirsisteispuckä

Chirsifescht - Chirsisteispuckä

Für andere, die am Sonntag auf dem Breitenfeld oberhalb von Wintersingen Kirschensteine spucken, wie zum Beispiel für den Polen Michael Jozefowicz und seine Freunde, die in den Nachbardörfern um Wintersingen wohnen, ist der Wettbewerb eine reine Gaudi. Sicherlich war das «Chirsisteispuckä» aber der Höhepunkt auf dem Chirsifescht, das der Verein Öffentlichkeitsarbeit Baselbieter Obst und der Baselbieter Obstverband alle vier Jahre organisieren, bereits das dritte Mal auf dem Breitenfeld, wo Familie Sprenger neben Rindermast und Ackerbau drei Hektare Kirschplantagen bewirtschaftet. Gestemmt wird das Fest trotz zahlreicher Sponsoren von den Obstproduzenten selbst, die wie Beat Sprenger selbst im OK tätig sind, vor Ort hinter der Theke helfen oder beim Besucherprogramm betreuen. Denn neben dem Kirschsteinspucken war die «Chirsi-Safari» das zweite grosse Angebot, das trotz der Hitze viele Interessierte auf das Breitenfeld lockte.

In zu zwei «Waggons» mit Sitzbänken umgearbeiteten Holzkistenverschlägen mit dem Traktor als Lok geht es wie bei einem Touristenbähnli zunächst in rasanter Fahrt durch die Kirschplantage mit drei Meter hohen Niederstammbäumen: Mundraub ist während der Fahrt erlaubt; aber wer nicht aufpasst, hat statt der Kirsche im Mund den ganzen Ast im Gesicht. An verschiedenen Stationen erklären Obstbauern alles Wissenswerte über die pflaumenverwandte «Vogel-Kirsche», wie sie botanisch heisst, ihre antike Herkunft aus der namensgebenden Hafenstadt Kerasos in der heutigen Türkei, ihre Entwicklung von Hochstammbäumen, die man noch mühsam mit Leitern besteigen musste, zu den heutigen Niederstammbäumen, die mit fahrbarer Hebebühne oder sogar Stelzen gepflegt und geerntet werden.

Chirsisteispuckä

Chirsisteispuckä

Kirschensteinspuck-Weltmeister Daniel Brunner aus dem Freiburgischen 

An einer Station erfahren die Besucher in der prallen Sonne, wie über die vergangenen Jahrzehnte zunächst der Regenschutz verhinderte, dass nasse Kirschen aufplatzen, dann die Bewässerung, dass die Bäume vertrocknen, dann die Netze, dass die Kirschessigfliege ihre Eier ablegt, dann die Frostkerze, dass die Knospen nach immer früheren Wärmeperioden im Winter im Frühjahrsfrost erfrieren. 100 000 Franken koste heute eine Hektare Kirschen allein bis zur Ernte, erfahren die Safari-Teilnehmer – und schauen vielleicht mit anderen Augen auf die Preise der Kirschen, die es auf der kleinen Messe am Chirsifescht neben anderen landwirtschaftlichen Produkten natürlich auch zu kaufen gibt.

Daniel Brunner, der Kirschsteinspucker, hat den langen Weg nach Wintersingen mit seinem zehnjährigen Sohn David übrigens auf sich genommen, weil er mit einem OK-Mitglied befreundet ist – am kommenden Donnerstag wird er seinen Titel im Zürcher Hauptbahnhof bei den Schweizer Meisterschaften verteidigen. Da diese «Sportart» nur in der Schweiz existiert, ist Brunner automatisch auch Weltmeister – es sei denn, Michael Jozefowicz und seine Freunde machen ihre Idee wahr und gründen eine polnische Nationalmannschaft.