Auszeichnung

Solarspargeln mit viel Basler Know-How: Bio oder nicht-bio ist hier nicht die Frage

Die Firma Solvatec bekommt heute den Solarpreis für ein Pionierprojekt.

«Ob man mit fossiler oder nichtfossiler Energie produziert, ist für das Klima wichtiger als die Frage, ob bio oder nicht-bio», meint Martin Jucker von der Juckerfarm in Rafz (ZH). Sein Ziel: den ganzen Hof inklusive Traktoren mit Solarenergie zu betreiben. Mit der neuen Anlage ist er einen entscheidenden Schritt weiter. Dieses Pionierprojekt bekommt heute den Schweizer Solarpreis.

Zum vierten Mal in Folge erhält damit eine Anlage den Schweizer Solarpreis, an dem die 20-jährige Basler Solvatec AG beteiligt ist: Nach der Solarfassade im Gundeldinger Feld, der Anlage in einem Basler Mehrfamilienhaus und auf dem Roche-Parkhaus in Kaiseraugst wird nun die landwirtschaftliche Energie-Selbstversorgung ausgezeichnet.

Intelligenter Strom

Die Juckerfarm ist ein Grossbetrieb: Auf 100 Hektar werden mit zwischen 15 und – saisonal – bis 70 Mitarbeitern rund 50 Spezialkulturen angebaut: Spargeln, Beeren, Kräuter, Kürbisse und mehr. Vieles muss man sofort nach der Ernte kühlen oder tiefgefrieren. Die Abwärme der Kälteanlage wird nun für Heizung und Warmwasser verbraucht: Für die Duschen der Erntehelfer ist der Bedarf im Sommer hoch. Produziert die Solaranlage auf dem Dach zu viel Strom, wird dieser in einer Batterie gespeichert. Ist sie voll und hängt kein Elektromobil an der hofeigenen Ladestation, baut man in der Tiefkühlanlage eine Kältereserve auf. Weiter überschüssiger Strom wird ins Netz eingespeist, aus dem man ihn bei Bedarf wieder bezieht.

Das klingt logisch, worin besteht da die Innovation? «Knackpunkt ist, die richtigen Dimensionen zu berechnen», erklärt Dominik Müller, Leiter Technik und Innovation der Basler Solvatec, die zur Fenaco-Gruppe gehört. Man müsse den Energie-Bedarf viertelstundenweise vorausberechnen, um die Pufferung präzise auszulegen. «Dafür fehlen viele Erfahrungswerte.»

Diese Berechnungen machte Solvatec zusammen mit der RZ Energiemanagement GmbH aus Waldkirch (SG). Zudem installierte Solvatec die Photovoltaik-Anlage mit Modulen, die auch bei wenig Licht Strom liefern.

Netzausbau vermieden

Die Anlage finanziert hat Energie360°, das frühere Zürcher Gaswerk. Die Firma betreibt und wartet die technischen Anlagen auch. Jucker kauft also nicht wie früher nur Strom, sondern auch die Kälte und das ganze Dienstleistungspaket. «So kann er sich auf die Landwirtschaft konzentrieren», erklärt Tobias Meier, Projektleiter bei Energie360°. Rentabel sei das Projekt, weil bei der Erweiterung des Hofs eine teure, neue Zuleitung für den höheren Stromverbrauch nötig geworden wäre. Diese erübrigte sich durch das intelligente Energiemanagement. «Im Sommer konnten wir den Strombedarf des Spargelhofs zu 95 Prozent durch die Sonne decken», sagt Meier. Im Winter dürfte es weniger sein, doch ist auch der Bedarf tiefer.

Jucker schätzt die insgesamt erreichte Autarkie auf 70 Prozent. «Wichtig ist die Erfahrung, die wir gewinnen.» Für ihn sei die Energie nicht teurer geworden. Auch könne sich der Hof bei einem mehrtägigen Stromausfall selbst versorgen. «Damit vermeiden wir, dass die gefrorenen Nahrungsmittel verderben.» Er will künftig auch die Traktoren solar betreiben. Dafür sei eine Anlage, um Solarstrom in Wasserstoffgas umzuwandeln, denkbar. Diese Technologie sei zwar noch nicht marktreif. «In zehn Jahren sieht das aber anders aus.» Elektrotraktoren könne es bereits in einem Jahr geben. Aktuell ist der Mannschaftsbus der Erntehelfer elektrisch. Juckers Fazit: «Nicht zuletzt zeigen wir, dass die Ziele der Energiestrategie des Bundes erreichbar sind.» Dafür sei es aber nötig, dass möglichst viele Bauern mitziehen.

Dem stimmt Lukas Kilcher, Leiter Ebenrain, zu: «Die Landwirtschaft muss sich vom fossilen Zeitalter verabschieden.» Nicht einverstanden ist er mit Juckers Aussage zu Bio: «Bio-Landbau fördert den Humus-Aufbau stärker und bindet damit mehr CO2 im Boden.» Es komme deshalb nicht nur auf die Maschinen an.

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