Dieser Schuss ging nach hinten los: «Ausgerechnet Wirtschaft und Recht sollen mit der Uni BS in die Provinz.» Von Anfang an verhehlte Susanne Leutenegger Oberholzer nicht, was sie von den Plänen der Universität beider Basel hält: gar nichts. Deutlich gemacht hat das die Baselbieter SP-Nationalrätin in einer Kurzmitteilung via Twitter.

Dieser Tweet sorgte für Ärger.

Wie die bz publik machte, könnten in den kommenden Jahren gleich zwei Fakultäten aus der Stadt an den Bahnhof Liestal verlegt werden. Für Leutenegger aber wäre eine solche Lösung nicht nur ineffizient, auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit würde stark erschwert. Es brauche vielmehr einen eigentlichen Campus. Die Novartis mache es vor.

«Fragwürdig und bedenklich»

Leuteneggers «Nestbeschmutzung» aber kommt ganz schlecht an. Dass eine gewählte Politikerin den eigenen Kanton als «Provinz» bezeichnet, können Leuteneggers Baselbieter Ratskollegen nicht nachvollziehen: «Das ist fragwürdig und bedenklich», findet FDP-Nationalrätin Daniela Schneeberger. Immerhin sei Leutenegger vom Baselbieter Volk gewählt, haut SVP-Kollege Thomas de Courten in dieselbe Kerbe: «Die Kantonshauptstadt als Provinz zu bezeichnen, empfinde ich als stossend.»

Maya Graf spricht von einer «provinziellen Denkweise»: «Wir sind ein Lebens-, Bildungs- und Wirtschaftsraum», sagt die Grünen-Nationalrätin. Wolle die Universität weiter wachsen, dann brauche es aus Platzgründen ohnehin verschiedene Standorte. Und da spreche gar nichts gegen Liestal. Graf: «Die Anbindung an den öffentlichen Verkehr ist sicher besser als beim Standort der Fachhochschule Nordwestschweiz in Muttenz.» Auch Sandra Sollberger zeigt sich «sehr erstaunt» über Leuteneggers Aussagen. «Dann bin ich offensichtlich ein Provinz-Girl», kommentiert die SVP-Nationalrätin.

Elisabeth Schneider-Schneiter hält den Provinz-Vorwurf für «despektierlich». «Die Aussage war zumindest politisch unsensibel», findet die CVP-Nationalrätin. Der Kanton Baselland solle ein klar erkennbarer Teil der gemeinsamen Uni beider Basel sein. Das sei wichtig für die Partnerschaft. Denn eines sei klar: «Eine starke Stadt braucht ein starkes Land und umgekehrt», betont Schneider-Schneiter. «Da ist es dumm, von Liestal als Provinz zu sprechen.»

Selbst in der eigenen Partei kann Leutenegger nicht auf Unterstützung hoffen: So betont Nationalrat Eric Nussbaumer, dass er überhaupt nichts hält von einer solchen Standortdiskussion: «Die Forderung, dass ein Teil der Uni unbedingt in Baselland stehen muss, ist genauso kleinkariert wie die Bezeichnung ‹Provinz›.» Die Uni müsse selber entscheiden, wie sie ihren Leistungsauftrag am besten erfüllen kann. Auch der Baselbieter SP-Präsident Adil Koller stellt klar: «Ich teile die Meinung von Susanne Leutenegger Oberholzer nicht.» Die Idee eines Campus Liestal sei interessant, eine breite Abstützung der Uni langfristig für alle positiv. Für Koller ist Liestal nicht «Provinz», sondern eine «aufstrebende Stadt».

Zu wenig Platz bei Twitter

Leutenegger selber fühlt sich völlig missverstanden. Sie habe niemanden vor den Kopf stossen wollen, versichert die SP-Nationalrätin. Geschuldet sei das Missverständnis dem beschränkten Platz bei Twitter-Nachrichten. Mit «Provinz» sei «fernab des universitären Zentrums» gemeint gewesen. Und davon sei sie nach wie vor nicht begeistert.

Der Erklärungsversuch.

Allerdings: Auch gegenüber der bz bezeichnete Leutenegger Liestal mehrfach als «Provinz». Sie habe aber einen Gegenvorschlag, sagt Leutenegger: Die gesamte Uni könnte ja als Campus-Neubau beispielsweise nach Salina Raurica in Pratteln verlegt werden. «Damit würde die Provinz zum Zentrum.»

Baselland soll eigenes Zentrum schaffen.

Doch auch von dieser Erklärung zeigt sich Leuteneggers Parteipräsident wenig überzeugt, zielt aber vor allem auf Conradin Cramer, Regierungskandidat der Basler LDP und womöglich der künftige Erziehungsdirektor des Stadtkantons. Er hatte sich gegenüber Radio SRF ebenfalls äusserst kritisch gezeigt, dass «wichtige Fakultäten so weit weggenommen vom städtischen Zentrum» und «in eine Kleinstadt transferiert werden sollen. «Solche Aussagen sind Wasser auf die Mühlen jener, die einen Graben zwischen Basel-Stadt und Baselland heraufbeschwören», findet Koller.