Gassenarbeit

Spannende zehn Jahre auf der Gasse

Ray Knecht ist oft bei den Randständigen am Bahnhof SBB anzutreffen. Foto: Martin Töngi

Ray Knecht ist oft bei den Randständigen am Bahnhof SBB anzutreffen. Foto: Martin Töngi

Ray Knecht betreut Randständige, Obdachlose und Drogenabhängige.

Ray Knecht treibt sich seit vielen Jahren auf den Basler Gassen herum – beruflich. Gestern, am 10. Oktober um 10.10 Uhr, feierte der 37-Jährige sein 10-Jahr-Jubiläum als Gassenarbeiter beim Verein Schwarzer Peter. Theres Wernli, damals selbst Gassenarbeiterin und heute Leiterin des Stadtteilsekretariats Kleinbasel, hatte den jungen Erlebnispädagogen damals ermuntert: «Bewirb dich bei uns. Wir wollen, dass du mit uns arbeitest.» Obwohl er nicht genau wusste, auf was er sich einliess, hat er sich gemeldet – einige Formalitäten später war er Gassenarbeiter.

«Das Vertrauen und die Offenheit, die man uns entgegenbringt, haben mich erstaunt», erinnert sich Knecht. Das Vertrauen beruhe auf den Grundhaltungen der aufsuchenden Sozialarbeit: Freiwilligkeit, Akzeptanz, Konstruktivismus, Parteilichkeit, Verschwiegenheit sowie geschlechter- und migrationsgerechte Arbeit. Der wohl wichtigste Grundsatz sei Vertrauen: Was aber nicht heisst, dass der Gassenarbeiter alles gutheisst, was der Klient macht. «Sondern, dass der Mensch und nicht dessen Handlung im Vordergrund steht.»

Es wäre arrogant und überheblich, von seiner persönlichen Realität auszugehen und diese als Massstab für richtig oder falsch zu setzen. Ein Randständiger oder Drogenabhängiger sei weder suspekt noch gefährlich, sondern erst einmal ein Mensch – einfach mit anderen Rahmenbedingungen. Wichtig sei ebenso die Freiwilligkeit, sagt Knecht: «Damit ersparen wir uns viele Leerläufe. Denn die Menschen, mit denen wir arbeiten, kommen auf uns zu, wenn sie bereit sind und wenn sie müssen.»

Hatten es die vier Gassenarbeiter früher noch vermehrt mit Drogenabhängigen zu tun (siehe Infobox), so beschäftigen sie sich jetzt vermehrt mit Randständigen und Obdachlosen. «Auf dem Sekretariat sind 100 Menschen angemeldet, die keine bezahlbare Wohnung finden», sagt Knecht. Es handle sich um Leute, die vielleicht ihren Job verloren haben oder deren Vergangenheit nicht in geregelten Bahnen verlaufen sei.

Mit je einer Standaktion auf dem Barfüsser- und dem Rümelinsplatz hat der Verein Schwarzer Peter im August auf dieses Problem aufmerksam gemacht. Vermehrt betreuen die Gassenarbeiter Menschen mit psychischen Problemen. «Menschen, die den hektischen, schnellen Alltag nicht mehr bewältigen können», erläutert Knecht.

Die enge Szene der Randständigen, die regelmässig Kontakt zu den Gassenarbeitern haben, umfasst rund 300 Personen. Das Vierer-Team registriert pro Jahr rund 10 000 Kontakte und führt knapp 2000 Beratungen durch. Die Hälfte der Menschen, die von den Gassenarbeitern betreut werden, haben einen Migrationshintergrund. Und ein Viertel der Klientel ist weiblich.

Nach so vielen Jahren Gassenarbeit – rund einen Drittel der Arbeitszeit verbringt er tatsächlich auf der Gasse – ist Ray Knecht seines Berufes nicht müde. «Mein wirklicher Erfolg ist, dass die Menschen in den Basler Gassen mich als ehrlichen und unterstützenden Gassenarbeiter akzeptieren und schätzen.» Dies zeigt sich auch an der Tatsache, dass er in den zehn Jahren nie verbal oder körperlich angegriffen wurde.

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