Die Silhouette eines Berges vor gerötetem Abendhimmel, Telegrafenmasten, zirpende Grillen. Mit rauchig-versoffener Stimme beginnt ein amerikanischer Sprecher aus dem Off die Geschichte eines Banditen zu erzählen, dessen Flucht vor dem Gesetz einst böse endete. Wenige Sekunden reichen, und man ahnt, dass man es bei Samuel Morris’ neuestem Film «Doug & Walter» wohl mit einem modernen Western zu tun bekommt.

Dann folgt ein Schnitt auf die AVIA-Tankstelle Liesberg. «Pneuwechsel» wird da auf einem Werbeschild geworben, rechts steht ein Selecta-Süssigkeitenautomat im Bild, im Hintergrund ein reichlich unamerikanisch anmutendes Haus. Statt in der Prärie landet der Blick des Zuschauers mitten im Baselbiet, wo Doug (Jeff Zach) gleich zu Beginn des 27-minütigen Roadmovies mit gezogener Pumpgun die kreuzworträtselnde Tankwartin ausraubt.

«Tagelang habe ich in der gesamten Schweiz nach Locations gesucht», erzählt Morris, «schliesslich hatte ich sie die ganze Zeit direkt vor meiner Nase». Der
23-jährige Filmemacher ist in Pfeffingen geboren und aufgewachsen. «Erst als ich mir die Gegend gemeinsam mit einem Kameramann ansah, fiel mir auf, dass es bei mir vor der Haustür ziemlich amerikanisch aussehen kann.»

Weltpremiere in Kanada

Aesch, Liesberg und die kleine Landstrasse bei Pfeffingen, auf der sich Doug und Walter eine Schiesserei mit der Kantonspolizei liefern, kennt man nun auch in Übersee. Am 17.3.2016 hatte «Doug & Walter» Weltpremiere am kanadischen Regard-Filmfestival. Die Kanadier wissen nun also: In der Schweiz liegen majestätische Weite und kleinbürgerliche Enge teilweise sehr nahe beieinander. Ganz ähnlich also wie in den USA.

Gleich mit einem ganzen Haufen Klischees hat sich der junge Basler Autor und Regisseur in seinem Film angelegt: Doug, ein aus- und abgebrannter US-Amerikaner Mitte 50, ist in der Schweiz gestrandet. Dort reitet er keine Wildpferde zu, sondern verkauft biederen Bürgern schnödes Schuhwerk. Walter (Nicolas Rosat), sein eidgenössischer Kollege und Kumpan, wohnt immer noch bei Mama und wirkt akkurater als ein Schweizer Uhrwerk.

Als Doug seinen Aushilfsjob verliert, brennt bei ihm eine Sicherung durch: es folgen Autodiebstahl, Tankstellenraub und Walters Befreiung aus dem Mutti-Knast. Gemeinsam versuchen die beiden ungleichen Freunde, ihren gescheiterten Existenzen im geklauten Amischlitten zu entkommen. Tote Kühe, verängstigte Tankstellenbesitzerinnen und eine erfrischende Portion schwarzen Humors pflastern dabei ihren Weg durch die Eidgenossenschaft.

Dialoge sitzen locker wie Colts

«Doug & Walter» spielt gekonnt mit Zuspitzungen, mit Übertreibung und Karikatur. Gerade die Überzeichnung jedoch sorgt dafür, dass man sich umso entspannter auf die Geschichte einlassen kann. Der Plot trägt zuverlässig wie ein routinierter Gaul, die Dialoge sitzen locker wie Colts. Das Spiel mit intensiven Farben, Licht, Dunkelheit und ungewohnten Perspektiven ist dem 1992 geborenen Morris und seinem Team ebenso gelungen wie die Auswahl der Drehorte, die Figurenzeichnung und der Schnitt.

«Es war nicht immer einfach, als Regisseur der Jüngste am Set zu sein», erzählt Morris, «am Anfang waren ein paar Leute ganz schön kritisch mit mir». So sehr seine Laufbahn auf manche wirken mag wie ein Höhenflug, so bodenständig ist die Wirklichkeit hinter den Kulissen. «Wir haben von sechs Uhr früh bis in die Nacht für diesen Film gearbeitet», berichtet er, «unser Budget war viel zu klein für so ein Unternehmen, ich habe da auch eigenes Geld mit reingesteckt».

Rund 20 Prozent des Budgets kamen durch ein Crowdfunding zusammen. «Es war toll, zu spüren, wie viele Leute an das Projekt geglaubt haben. Menschen, von denen ich es wirklich nicht erwartet hätte, haben einfach mal 100 Stutz in diesen Film investiert, was echt viel Geld ist. Das hat uns allen enorm Mut gemacht», schwärmt Morris.

Das Geld war gut investiert: «Doug & Walter» ist ein intelligent gemachter Genre-Verschnitt aus Tarantino-Splittern, «Big Lebowski»-Häppchen und «Thelma and Louise»-Brocken geworden, konterkariert mit augenzwinkernder Kritik am Bünzlitum und einer Prise Anarchie.

Produziert wurde der Film von der Zürcher Filmgerberei, die auf Morris im Rahmen der Schweizer Jugendfilmtage aufmerksam wurde. Dort gewann der damals 20-Jährige für seine Dokumentation «Schritt für Schritt» 2013 den ersten Preis. Zwei Jahre zuvor hatte er mit seinem Erstlingsfilm «14» bereits den zweiten Platz beim Festival belegt.

Als Autodidakt im Wettbewerb

Am 5. April kann man den Film im Rahmen der Projektor-Reihe im Unternehmen Mitte sehen, am 8. April läuft «Doug & Walter» dann an den 40. Schweizer Jugendfilmtagen in der Wettbewerbskategorie D. Die ist für junge Filmemacher zwischen 20 und 25 Jahren vorgesehen.

Ob der junge Baselbieter in ein paar Jahren dann in die Kategorie E aufsteigen wird, bleibt abzuwarten. Die ist eigentlich Studenten von Filmhochschulen vorbehalten. Morris hat sich allerdings all das, was er filmisch draufhat, selbst beigebracht. Umso beeindruckender, was für ein runder, souverän erzählter und höchst unterhaltsamer Film ihm hier gelungen ist.

Am 5. April um 20 Uhr läuft der Film im Rahmen der Projektor-Reihe im Unternehmen Mitte Basel.