Nähkästchen

Stararchitekt Jacques Herzog über das Ableben: «Der Tod hat etwas Tröstliches»

Jaques Herzog hat den Begriff «Tod» aus dem Nähkästchen gezogen.

Jaques Herzog hat den Begriff «Tod» aus dem Nähkästchen gezogen.

Der Basler Stararchitekt Jacques Herzog zieht einen schwierigen Begriff aus dem Nähkästchen und redet über die Beziehung zu Gebäuden.

Herr Herzog, welchen Begriff haben Sie gezogen?

Jacques Herzog: Tod. Nicht gerade spannend.

Warum nicht?

Der Tod betrifft einfach jeden. Er ist ein Fakt. Ich weiss nicht, ob daraus ein lebendiges Gespräch wird.

Haben Sie denn Angst vor dem Tod?

Nein, wieso sollte ich? Jeder muss sterben. Das ist ein natürlicher Prozess. Wie das Älterwerden. Schön ist es, wenn dieser Prozess nicht mit Schmerzen und Leiden begleitet wird. Der Tod selber aber beschäftigt mich nicht näher.

Was unweigerlich mit dem Tod in Verbindung steht, ist die Vergänglichkeit. Was für einen Bezug haben Sie zu diesem Wort, gerade als Architekt?

Vergänglichkeit ist unser Schicksal – und das aller anderen Lebewesen auf diesem Planeten. Architektur steht hingegen für lange Lebensdauer und statische Festigkeit. Aber auch das ist von begrenzter Dauer. Es ist deshalb wichtig, dass wir Architekten überlegen, wie ein Gebäude möglichst lange haltbar ist und dass es schön altert – wie man sagt. Das ist unsere Verantwortung. Dazu gehört nicht nur die Materialisierung, sondern auch die Flexibilität eines Gebäudes. So dass es sich an den steten Wandel der Bedürfnisse anpassen lässt.

Wie meinen Sie das?

Ein naheliegendes Beispiel von einem solchen Wandel sind die Industrieareale in Basel. Interessanterweise entstanden daraus nur selten Brachen, an denen etwas völlig Neues entstand, sondern die ansässige Industrie transformierte sich in eine neue, der neuen wirtschaftlichen und technischen Realität angepassten Industrie. Die Areale werden umgebaut, neugebaut, verdichtet und transformiert. Etwa das Areal von Roche, welches bereits mehrere solche Transformationsprozesse erlebte. Heute beherbergt Basel zwei der grössten und bedeutendsten Pharmakonzerne der Welt, noch immer am selben Ort. Sie prägen eine wirtschaftlich und kulturell blühende Stadt. Man kann nicht erwarten, dass ein solches Basel noch immer so aussieht wie auf dem Merianplan. Jede Zeit drückt sich aus im Stadtbild.

Haben Sie schon einmal etwas Unverantwortliches gemacht?

Das hoffe ich nicht!

Ist Architektur auch vergänglich?

Alles ist vergänglich. Sogar der Tod ist nur ein Teil dieses Prozesses von Veränderung und Erneuerung – und hat so betrachtet auch etwas Tröstliches.

Und wenn ein von Ihnen gebautes Gebäude abgerissen wird – ist das schon einmal vorgekommen?

Ich glaube nicht, bin mir aber nicht sicher… Sehen Sie, das beschäftigt mich nicht einmal.

Wie uneitel!

Uneitel wäre schön. Es ist aber wohl eher eine realistische Haltung, weil sich ja eben alles wandelt und nichts für ewig da steht. Es gibt aber nicht nur Abbruch und Neubau, sondern auch Umbau. Bevor man Tabula Rasa macht, sollte jede Architektur dahingehend studiert werden, ob und wie sie ein neues Leben in verwandelter Funktion und Form haben könnte. Wir haben viele solche Umbauten und Neuprogrammierungen realisiert. Die bekanntesten sind die Tate Modern in einem ehemaligen Kraftwerk, die Elbphilharmonie auf einem ehemaligen Speicher von Kaffeebohnen oder ganz aktuell das Stadtcasino, welches wir in der vorhandenen neobarocken Sprache des Musiksaals aus dem 19. Jahrhundert neu konzipierten.

Was könnte man dereinst mit den Roche-Türmen anstellen?

Die Roche-Türme sind sehr robuste Strukturen mit extrem flexiblen Raumsequenzen, die ganz unterschiedlich unterteilt und bespielt werden können. Nicht nur Büros, sondern ganz andere Nutzungen wären darin vorstellbar: Schulen, Co-Working, Wohnungen, Gastronomie, Ausstellungsräume – da könnte man eine halbe Stadt unterbringen. Auch die Messehallen sind sehr flexibel nutzbar. Müssen sie auch, wie die Gegenwart zeigt. Die Dynamik von wirtschaftlichen Veränderungen wird heute noch beschleunigt durch die Digitalisierung. Da sind wir dann wieder bei der Vergänglichkeit und der Herausforderung, diese zu akzeptieren und daraus eine produktive Energie zu gewinnen.

Es ist paradox: Damit entziehen sich Gebäude ja eben genau ihrer Vergänglichkeit.

Das einzig Stetige ist der Wandel. Das ist für jeden wichtig zu begreifen, in der Architektur - überhaupt im ganzen Leben.

Wie sieht es denn mit einem Architekturbüro aus? So viel hängt ja von Ihren Ideen ab, wenn Sie vielleicht einmal….

Ein Vorteil unseres Berufs ist es, dass wir bis zum letzten Tag arbeiten können, wenn wir gesund bleiben und weiterhin Freude an neuen Projekten haben. Wir haben über viele Jahre hinweg Partnerinnen und Partner aufgebaut, die Pierre und mich in der täglichen Arbeit begleiten und unterstützen. Auch wenn Architektur immer geprägt ist von einzelnen Autoren und deren intellektueller Kreativität, ist es zugleich ein Teamwork von vielen talentierten Menschen, ähnlich wie bei der Produktion eines Films. In unserem Team hat es viele Talente aus aller Welt. Die werden nach unserem Ausscheiden unser Büro weiterführen und prägen.

Haben Sie eigentlich ein Lieblingsgebäude?

Nein.

Alle Kinder gleich gerne?

Ich habe keine fetischistische Beziehung zu Gebäuden. Vielleicht stimmt der Vergleich mit Kindern tatsächlich: Man begleitet die Bauten unglaublich eng in ihrer Entwicklung, ist ihnen nahe, doch irgendwann müssen sie für sich selber funktionieren. Du kannst dann nichts mehr tun, nur zusehen, wie sie funktionieren und ob sie Kummer oder Freude machen.

Besuchen Sie sie dann später wieder?

Nicht unbedingt. Wenn ich eines unserer Gebäude sehe, ist mein Blick darauf besonders kritisch. Es freut mich zwar, wenn es mir gefällt. Viel stärker ist meine Emotion aber, wenn ich etwas entdecke, das mich stört. Als Maler kannst Du eine Stelle einfach übermalen. Als Architekt musst du dir alles vorher sehr genau und lange überlegen, besonders wenn man etwas Neues ausprobiert.

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