Umfrage-Ergebnisse

«Starke Schule Baselland» übt sich in politischer Rechenkunst

Jürg Wiedemann und die "Starke Schule Baselland" empören mit ihrer Rechnungsweise die Amtlichen Kantonalkonferenz der Baselbieter Lehrkräfte.

Jürg Wiedemann und die "Starke Schule Baselland" empören mit ihrer Rechnungsweise die Amtlichen Kantonalkonferenz der Baselbieter Lehrkräfte.

Landrat Jürg Wiedemann und die «Starke Schule Baselland» rechnen die Umfrage-Ergebnisse des Kantons über den Lehrplan zu ihren eigenen Gunsten um.

Ist die Erde ein Würfel oder eine Kugel? Beides liesse sich durch ein Umfragedesign und die nachträgliche Interpretation der Ergebnisse nachweisen. Dieser Eindruck entsteht angesichts der Zahlen, mit denen für oder gegen die Bildungsvorlagen gefochten wird.

Am krassesten zeigt sich die interessengeleitete Interpretation von Zahlen daran, wie der Mathematiklehrer und grün-unabhängige Landrat Jürg Wiedemann und seine Gruppierung «Starke Schule Baselland» mit den Zahlen der Umfrage der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion (BKSD) umgehen. Diese spielen im Abstimmungskampf um die Vorlage «Einführung Lehrplan 21» eine Rolle.

Die BKSD fragte die Lehrpersonen, was sie von der umstrittenen verstärkten Orientierung an Kompetenzen im Lehrplan halten. Ergebnis: Für 34,9 Prozent der Befragten überwiegen die Risiken, für 23,5 Prozent die Chancen. Die grösste Gruppe, 41,5 Prozent der Befragten, antwortete indifferent, meinte also entweder, dass sich Chancen und Risiken die Waage halten (23,6 Prozent) oder dass sie keine Einschätzung (17,9 Prozent) abgeben wollen.

Unentschiedene weggelassen

Hier beginnt nun die politische Rechenkunst. So steht auf der Website der «Starken Schule Baselland» zur BKSD-Umfrage: «Eine deutliche Mehrheit lehnt den Lehrplan 21 mit seinen 3500 Kompetenzbeschreibungen ab und beurteilt den Lehrplan 21 als Risiko für die Schüler/-innen.» Die «Starke Schule» spricht von 59,8 Prozent, die den Lehrplan 21 ablehnen, und 40,2 Prozent, die ihn befürworten. Mit anderen Worten: Aus 34,9 Prozent wurden bei Wiedemann 59,8 Prozent.

Die indifferenten Stimmen wurden bei der Auswertung der Starken Schule Baselland einfach weggelassen.

Das empört Sekundarlehrer Ernst Schürch, Präsident der Amtlichen Kantonalkonferenz (AKK) der Baselbieter Lehrkräfte: «Weder in der Primarstufe noch in den Sekundarschulen lehnen – wie von Wiedemann behauptet – 60 Prozent der Lehrpersonen die verstärkte Orientierung an Kompetenzen ab. In Wirklichkeit sind es bedeutend weniger und die Meinungen sind differenzierter.»

Nun legt Wiedemann seine Berechnungsweise offen: «Wir haben die indifferenten Antworten weggelassen und nur mit jenen gerechnet, die sich inhaltlich geäussert haben.» Dies habe nichts mit politischer Manipulation zu tun, wehrt er sich gegen eine entsprechende Frage der bz. Vielmehr gehe es darum, dass nicht alle befragten Lehrkräfte von den Lehrplanänderungen gleich betroffen seien. «Ziel der Umfrage war es, die Meinung der Fachexperten einzuholen.» Und die hätten sich eben im Verhältnis 60 zu 40 gegen den Lehrplan 21 ausgesprochen.

Unterschlagene 23,6 Prozent

Dieser Interpretation hält Schürch entgegen, dass sich für 23,6 Prozent der Befragten Chancen und Risiken die Waage halten. «Sie haben also sehr wohl eine Meinung und müssen mitgerechnet werden.» Dann schrumpfen die angeblich 60 Prozent Ablehnung auf 42,6 Prozent, 28,7 Prozent sehen in der Kompetenzorientierung eine Chance, und für 28,8 Prozent halten sich Chancen und Risiken die Waage. «An diesem manipulativen Umrechnen stört mich, dass es viele Leute verwirrt», erklärt Schürch. «Wenn viele nicht mehr wissen, um was es geht, besteht die Gefahr, dass auf Jahre hinaus die Weiterentwicklung der Schule verhindert und nur noch politisch motiviert statt inhaltlich diskutiert wird.»

Es gab übrigens noch eine zweite Umfrage: Der Lehrerinnen- und Lehrerverein Baselland (LVB) fragte seine Mitglieder, ob sie für diese Vorlage ein Ja oder ein Nein empfehlen. Die Mehrheit empfiehlt ein Nein. Bei den Lehrkräften der Sek I fällt dies mit 54,4 Prozent am tiefsten und bei der Sek II mit 67,5 Prozent am höchsten aus.

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Autorin

Daniel Haller

Daniel Haller

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