Coronavirus

Sterbehilfe im Corona-Dilemma: Mit jeder Absage steigt die Verzweiflung der Betroffenen

Erika Preisig bereitet für die Flüssigkeitsversorgung eines ihrer Patienten eine Kochsalzlösung (NaCl) vor. (Archiv)

Erika Preisig bereitet für die Flüssigkeitsversorgung eines ihrer Patienten eine Kochsalzlösung (NaCl) vor. (Archiv)

Wegen des Lockdowns finden in der Schweiz viel weniger Sterbebegleitungen statt. Schwer erkrankte Coronapatienten haben dabei kaum eine Chance, Sterbehilfe zu erhalten. Auch Ausländer müssen wegen der geschlossenen Grenzen vertröstet werden. Absagen bergen die Gefahr, zu unbegleiteten Suiziden zu führen.

Die Überprüfung von assistierten Suiziden beschert der Staatsanwaltschaft derzeit kaum Arbeit. Was die Erste Staatsanwältin Basellands, Angela Weirich, vergangene Woche im bz-Interview beiläufig erwähnte, kann für die Direktbetroffenen dramatisch sein. «Weil die Grenzen zu sind, können Ausländer nicht zum Sterben zu uns kommen. Viele sind deshalb völlig verzweifelt», sagt Erika Preisig.

Die Biel-Benkemer Präsidentin der Sterbehilfeorganisation Eternal Spirit erhält Nachrichten von Angehörigen, dass deren Mutter oder Vater nun ohne gute Palliativpflege in einem Spital gestorben seien, da dort wegen Corona die Ressourcen fehlten. «Das ist sehr deprimierend für mich, aber wegen dem Reiseverbot kann ich nichts tun», so Preisig. Problematisch sei vor allem, dass es sich oft um Menschen mit Krebs im Endstadium handle, denen jeweils nicht viel Zeit bliebe.

Exit: «Sterbehilfe ist keine akute Notfallmassnahme»

Da Eternal Spirit zu 80 Prozent Patienten aus dem Ausland begleitet, ist Preisigs Arbeit in ihrem Sterbezimmer in Liestal praktisch zum Stillstand gekommen. Statt ungefähr zwei Personen pro Woche begleitete die 61-Jährige seit Mitte März bloss eine Frau in den Tod – eine Schweizerin mit terminaler Krebserkrankung. «Ich bin zu ihr nach Hause gegangen und habe dort einen Mundschutz getragen. Die Abstandsregeln konnte ich ohne Probleme einhalten.»

Von der Baselbieter Kantonsärztin Monika Hänggi habe Preisig die Erlaubnis eingeholt, dringenden Schweizer Fällen weiterhin helfen zu dürfen. Alle anderen muss sie vertrösten oder absagen. Keine Chance haben Personen, die spontan anfragen, weil sie am Coronavirus erkrankt sind. Grundsätzlich begleitet Eternal Spirit nur Mitglieder. «Wir sind kein Durchlauferhitzer», kommentiert Preisig.

Das ist auch bei der Sterbehilfeorganisation Exit so. «Patienten mit schweren Covid-19-Komplikationen können wir nicht begleiten», sagt Vizepräsident Jürg Wiler. Exit empfiehlt explizit, auf palliative Pflege zu setzen. Sterbehilfe brauche Vorbereitungszeit und sei keine akute Notfallmassnahme. Auch müsse die Urteilsfähigkeit gegeben sein und das Sterbemittel selbst eingenommen werden. Ausserdem betont Exit den Arbeitnehmerschutz: «Die meisten unserer Freitodbegleiter und auch etliche Konziliarärzte, die wir für Diagnoseschreiben anfragen, sind über 65 Jahre alt und gehören selbst zu einer Risikogruppe», sagt Wiler.

Auch bei Mitgliedern kann Exit zurzeit nur medizinisch dringende Begleitungen durchführen. Laut Wiler finden rund 30 Prozent weniger Abklärungen statt. Zum Vergleich: 2019 führte Exit Deutsche Schweiz im Schnitt 72 Sterbebegleitungen durch – pro Monat.

Etwas, das Wiler wie auch Preisig befürchten, ist, dass es wegen der Coronakrise zu mehr Suiziden kommt. «Das ist sehr tragisch», sagt Preisig. Bei ihrer Arbeit als Präsidentin des mit Eternal Spirit verbundenen Vereins Lifecircle berate sie viele Menschen, die nun verzweifelt oder depressiv seien: «Die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise wecken vor allem bei Jüngeren Suizidgedanken.»

Preisig bangt vor der 
Öffnung der Grenzen

Wo Sterbehilfeorganisationen, aber auch Palliativmediziner derzeit Mehrarbeit haben, ist bei Patientenverfügungen. «Hier erleben wir einen sprunghaften Anstieg von Anfragen», sagt Wiler. Viele Menschen wollten ihre Verfügung anpassen oder um einen Abschnitt für den Fall einer Corona-Erkrankung ergänzen. Etwa, dass von künstlicher Beatmung abgesehen werden solle. «Die Allermeisten äussern den Wunsch, nicht in ein Spital eingeliefert zu werden», sagt Preisig. Interessant: Von 50 Personen, mit denen Preisig sprach, hätte im Falle einer Infizierung niemand eine Sterbebegleitung gewünscht, sondern alle Palliativpflege zu Hause oder im Altersheim.

Und noch etwas beschäftigt Preisig: «Sobald die Grenzen wieder öffnen, gibt es eine Katastrophe. Wir werden viel mehr Anfragen haben, als wir stemmen können. Und Absagen sind immer extrem hart, weil man nie weiss, ob die Betroffenen dann leiden und einen anderen Weg in den Tod wählen – den unbegleiteten Suizid.»

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