Suizid mag ein gesellschaftliches Tabu sein - am Mittwoch an der Hauptstrasse 24 in Binningen war er es bestimmt nicht. Richtiggehend Schlange standen die Menschen, um am Tag der offenen Türe einen Blick in das regionale Büro zu werfen, das die Sterbehilfeorganisation Exit Anfang Oktober eröffnet hat. Sogar ein Fernsehteam aus Südkorea war da. Viel zu sehen gab es nicht, die Räumlichkeiten sind auffallend nüchtern.

Umso mehr gab es zu fragen. «Kann ich einfach anrufen und ‹ich will jetzt gehen› sagen?», wollte eine ältere Dame von den Exit-Beratern wissen. Was man in eine Patientenverfügung schreibt, fragten viele. Und was tun, wenn jemand Alzheimer hat und nicht mehr urteilsfähig ist? Kann ich mich im Altersheim in den Tod begleiten lassen? Darf ich den Arzt wechseln, wenn er mir das Todesmittel nicht verschreiben will?

Oft beklagten Besucher die Gesetzgebung, die Urteilsfähigkeit voraussetzt, um das tödliche Medikament selber einzunehmen. «Wenn das nicht so wäre, würde sich jemand schwer strafbar machen», erklärte die Exit-Präsidentin, die Baslerin Saskia Frei, mehrmals. Andere wollten die Details einer Sterbebegleitung wissen: Wie wirkt das Sterbemittel, wo darf man sterben, gelten Depressionen als Selbstmord-Grund?

Hauptsächlich Frauen

Eine 85-Jährige aus Liestal war zwar schon Exit-Mitglied. Am Mittwoch kam sie nach Binningen, «weil ich wissen will, wo ich mich beraten lassen muss, wenn es so weit ist.» Sie hat schon von Familien gehört, die auseinanderbrachen, weil sie jemanden rund um die Uhr pflegen mussten. «Das will ich meinen Angehörigen nicht antun», findet sie. Spricht sie mit Gleichaltrigen, ist Freitod selten ein Thema. «Viele sagen, der Tod gehöre nicht zum Leben.»

Am Mittwoch waren aber viele da, die sich bereits viele Gedanken über ihr Lebensende gemacht hatten. Von den über hundert Interessierten, die sich in die zwei engen Räume zwängten, waren mindestens drei Viertel Frauen über 60. «Eine Mehrzahl unserer Mitglieder sind Frauen», bestätigte Exit-Beraterin Heidi Vogt. Auch bei den Sterbegleitungen würden Frauen dominieren.

Einer der wenigen Männer war der 90-jährige Bewohner einer Alterswohnung in Binningen. Seine Überzeugung: «Ins Altersheim will ich niemals gehen, und ich will auch keine lebenserhaltende Massnahmen.» Von Exit hatte er schon mal gehört, «aber Kontakt hatte ich nie.» Nach Zürich, der nächsten Exit-Beratungsstelle, wäre er nicht gefahren. Beim Tag der offenen Tür nahm er Broschüren und eine Muster-Patientenverfügung mit und sagte: «Heute Abend fülle ich den Talon aus und werde Mitglied.»

Besonders viele Basler bei Exit

«Die erste Bilanz nach fünf Wochen in Binningen ist positiv», erklärt Exit-Vizepräsident Bernhard Sutter. Man habe Beratungstermine bis in den Januar hinein. Negative Reaktionen seien bisher keine gekommen. Dafür kamen einige Anfragen aus dem benachbarten Ausland, wo Sterbehilfe weniger liberal gehandhabt wird wie in der Schweiz. Doch Exit-Mitglieder müssen laut Statuten in der Schweiz wohnhaft sein, und nur sie werden in den Tod begleitet. «Eine Beratungsanfrage weisen wir aber nie ab«, betont Sutter.

Sterbehilfe findet in Binningen sowieso keine statt - vorläufig zumindest, wie Frei erklärt. «Die dafür notwendigen Räumlichkeiten hätten wir hier jedenfalls.» Von den schweizweit 70'000 Exit-Mitgliedern sind 15'000 aus der Region Basel, laut Sutter überdurchschnittlich viele. Seine Erklärung: Die Basler seien im Durchschnitt älter, «und vielleicht denkt man hier etwas liberaler».