Auf kaum einer Karte ist sie verzeichnet, und auf Satellitenbildern ist sie nur als Schatten zu erkennen: die Hochspannungsleitung in Pratteln, die quer über das Gelände führt, auf dem 2022 das Eidgenössische Schwingfest stattfinden soll. In 26 Meter Höhe fliesst dort Strom mit einer Spannung von 380'000 und 220'000 Volt. Am Schwingfest erwarten die Organisatoren über 200'000 Besucher – für publikumsintensive Aktivitäten unter solchen Anlagen gelten besondere Sicherheitsbestimmungen.

Besitzerin der Leitung ist Swissgrid. Dort gibt man sich zuversichtlich: «Bei Einhaltung der Sicherheitsabstände sieht Swissgrid grundsätzlich keine Gefahren für die Zuschauer von einem Grossanlass wie dem auf dem Areal in Pratteln geplanten Schwingfest», sagt Sprecherin Andrea Hohendahl. Doch das letzte Wort hat das Eidgenössische Starkstrominspektorat (ESTI), das den Leitungsbesitzern auf deren Antrag Ausnahmebewilligungen erteilt.

«Worst Case»: Hängende Kabel

Über den Fall Pratteln will sich ESTI-Jurist Richard Amstutz nicht konkret äussern, weil Swissgrid noch keine offizielle Anfrage eingereicht habe. Doch allgemein erklärt er: «Heikel, beziehungsweise grundsätzlich nicht erlaubt ist, dass sich Gebäude, Festhütten, Zelte oder ähnliche Einrichtungen mit grossen Menschenansammlungen, grossem Brandrisiko oder explosiblen Stoffen (zum Beispiel Feuerwerk) im Leitungsbereich befinden.»

Als Beispiele nennt er «Versammlungs-, Markt-, Schausteller-, Pausen-, Sport-, Campingplätze» und «öffentliche Liegewiesen». Das ESTI muss sich bei der Beurteilung der Sicherheit an die Verordnungen des Bundes halten. «Der Spielraum ist beschränkt», betont Amstutz. Laut ESTI besteht eine mögliche Gefahr darin, dass der Mast am Rande des Geländes unter Strom stehen könnte. «Worst Case» wäre, wenn nach dem Bruch eines Isolators eine unter Spannung stehende Leitung herunterfiele.

Schützendes Gerüst

In der Schweiz seien bereits «vereinzelt» ähnliche Gesuche wie in Pratteln gestellt worden, so Amstutz. «Diese werden als Einzelfall behandelt.» Deshalb könne man keine allgemeine Aussagen über die Erfolgsaussichten von Bewilligungsgesuchen machen.

Doch eins scheint auch bei einem positiven Entscheid des Bundesamtes festzustehen: Weil unmittelbar unter der Leitung gar nichts stattfinden darf, wird das Schwingfest 2022 zweigeteilt stattfinden müssen. Laut Swissgrid-Sprecherin wird man an der tiefsten Stelle der hängenden Kabel ein schützendes Gerüst bauen. Zudem wird der Strommast am Rande des Areals eingezäunt sein müssen.

Weder Swissgrid noch das ESTI präzisieren, wie gross die angesprochenen «Sicherheitsabstände» beziehungsweise der «Leitungsbereich» rund um die Leitung sein werden. Laut Rolf Wirz, Sprecher der Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion (VGD), werden die Organisatoren die erforderlichen Abstände respektieren. Swissgrid habe die Auflagen bekannt gegeben, diese würden eingehalten. «Die Leitung ist nach Einschätzung der Experten kein erhebliches Problem», lautet Wirz’ Fazit.

Entscheid am Wochenende

Die Anfrage ans ESTI stellt Swissgrid für «nächstens» in Aussicht. Am kommenden Sonntag werden die Funktionäre des Basellandschaftlichen Schwingerverbands die Bewilligung des ESTI jedenfalls noch nicht in der Tasche haben, obschon sie dann vor den Delegierten des Schweizer Schwingerverbands für das Schwingfest in Pratteln Werbung machen müssen. Die Schweizer Delegierten sollen das definitive grüne Licht für den Anlass geben. Das gilt als wahrscheinlich, weil der Standort regional gut abgestützt ist. Nicht auszudenken wäre jedoch, sollte sich anschliessend das ESTI quer stellen.