Laufen

Syrischer Flüchtling im Baselbiet: «Ich habe so viele Menschen verloren»

Jamal Ali hat Hab und Gut in Syrien gelassen und lebt nun mit seinen sechs Kindern in Laufen. Kenneth Nars

Jamal Ali hat Hab und Gut in Syrien gelassen und lebt nun mit seinen sechs Kindern in Laufen. Kenneth Nars

Nach einer langer Reise ist Jamal Ali mit seiner Familie in Laufen angekommen. Und endlich in Sicherheit. Die achtköpfige Familie lebt in einer Vierzimmerwohnung. Einen Job hat Ali noch nicht gefunden.

Zuletzt war es in Jamal Alis Heimatstadt Malkie unerträglich geworden. Bombensplitter fielen auf sein Dach, die kleinsten seiner sechs Kinder erbrachen regelmässig vor Angst. Es war nicht mehr daran zu denken, im Norden Syriens auf die Strasse zu gehen. «Wenn ich Tomaten kaufen wollte, dann begab ich mich in Lebensgefahr», sagt der syrische Flüchtling im Gespräch mit der bz. Seine Erinnerungen werden von seinem ersten Freund in der neuen Heimat übersetzt: dem kurdischen Lebensmittelverkäufer im Erdgeschoss unter seiner Wohnung im Laufner Stedtli.

Nächtliche Flucht in die Türkei

Jamal Ali ist ein gemässigter kurdischer Sunnit. Zu Hause in seinem Land, in dem Bürgerkrieg herrscht, wird er sowohl von den Regierungstreuen als auch von Teilen der Opposition verfolgt – als Kurde muss er auf der einen Seite die Armee des Diktators Baschar al-Assad fürchten, auf der anderen Seite aber auch den Al-Kaida-Ableger Al-Nusra, eine Terrororganisation der Salafisten.

Auch Ali besass in seiner Heimat einen Laden. In den letzten Monaten stand er leer; die Kunden blieben fern. Und so verkaufte Ali sein Hab und Gut, verliess im letzten Herbst Malkie und machte sich mit dem Nötigsten auf in Richtung türkischer Grenze, die er nachts illegal passierte. Dann verbrachte er gut einen Monat in einem Flüchtlingslager in der Türkei, ehe er sich und seiner Familie mit seinem ganzen Ersparten am 6. Dezember einen Flug in die Schweiz leistete. Über das Empfangszentrum in Basel fand der 54-Jährige schliesslich den Weg nach Laufen.

In seiner Wohnung an der Viehmarktgasse teilt er vier Zimmer mit seiner achtköpfigen Familie. «Ich bin gesegnet, jetzt muss ich nicht mehr täglich um meine Familie bangen», sagt er. Zumindest ein Grossteil seiner Familie ist in Sicherheit. Eine Tochter weigerte sich, mit ihrem Vater ins Ausland zu flüchten: Sie ist mit einem Syrer verheiratet und wollte ihren Ehemann nicht alleine lassen. Mit seiner Tochter steht Ali in Kontakt; doch ansonsten würde er alles, was mit Syrien zu tun hat, am liebsten verdrängen. «Ich denke nicht gerne an all meine Freunde, die noch da unten sind. Ich habe in diesem Krieg schon so viele Menschen verloren, die mir nahe standen.»

Jamal Ali glaubt nicht, dass sich die Situation in seinem Heimatland für ihn so weit beruhigen wird, dass er je wieder zurückkehren kann. Noch immer wartet er den definitiven Asylentscheid ab. Er traut sich nicht auszumalen, was es bedeuten würde, wenn ihn die Schweiz wieder zurück in den sicheren Tod schickte. Nein, seine Zukunft sieht Ali in dem Land, in dem in den letzten 15 Jahren schon sieben seiner Geschwister ihr Zuhause gefunden haben. Einige seiner Verwandten haben sich in Basel niedergelassen. Und vor ein paar Jahren ist sein ältester Sohn nach Bern gezogen; der 31-Jährige führt in Bern eine Zügelfirma.

Kleinste leidet an Schlafstörungen

Besonders freut sich Jamal Ali darauf, wieder eines Tages arbeiten zu können, wie er es gewohnt war. Vor vielen Jahren war er auf einer Ölplattform tätig. Doch Ansprüche hat er keine, sollte er tatsächlich ein Jobangebot haben. «Ölplattformen sind in der Schweiz rar», sagt Ali mit einem verschmitzten Lächeln. «Ob als Putzkraft oder Zügelhelfer bei meinem Sohn – ich würde alles machen», stellt er klar. Denn auch dem introvertierten Syrer ist klar, dass in seinem Alter wohl keine grossen Jobträume mehr wahr werden.

Die Zukunft gehört seinen Kindern, denen er in der Schweiz dereinst ein Studium ermöglichen will. Doch zunächst sind in der Familie Ali die kleinen Schritte angesagt. Jamal steht noch mit den wenigen deutschen Wörtern auf Kriegsfuss, die er sich einzuprägen versucht, seine Kinder dürfen immerhin in den Deutschkurs. Die 10-jährige Simaf, die Kleinste, kämpft noch immer mit Ängsten und Schlafstörungen. Und an die Schweizer Küche, an die muss sich die Familie Ali erst noch gewöhnen. Statt Fondue oder Gschwellti gibt es gefüllte Auberginen, selbst gemachtes Joghurt und die syrische Nationalspeise Shaorma zum Abendessen– aber gleichzeitig endlich wieder die Gewissheit, nicht von einem Bombenhagel heimgesucht zu werden.

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