Kirchenpolitik

Tabu-Abend bei der Kirche: Seelsorge für Sexarbeiterinnen und Aufarbeitung von Missbrauch

(Symbolbild)

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An der Herbstsynode besprach die Baselbieter katholische Kirche gleich zwei brisante Themen: Seelsorge bei Sexarbeiterinnen und den Missbrauch von Kindern. Bei beiden Themen bezog sie klar Stellung.

Eine Seelsorgerin im Rotlichtmilieu. Was für viele im ersten Moment irritierend klingen mag, war für drei Jahre die Arbeit von Anne Burgmer. «Seelsorgestelle im Tabubereich» heisst das Projekt.

Dass die Kirche proaktiv auf die Sexarbeiterinnen zugeht, kam in Basel gut an. «Ich habe Situationen erlebt, in denen mir Frauen mit Tränen in den Augen gegenüberstanden, weil sie mit einer kirchlichen Vertretung auf Augenhöhe sprechen konnten», erzählt Burgmer. Es habe den Frauen gut getan, dass ihnen jemand zuhörte und nicht mit der Moralkeule daherkam, wie es viele von der Kirche erwartet hätten.

Anders präsentierte sich die Lage im Baselbiet: Kein einziges Mal konnte die Theologin dort mit einer Sexarbeiterin sprechen, die Etablissement-Betreiber wiesen sie ab.

Volle Unterstützung aus dem Baselbiet

Die Projektstelle im Umfang von 40 Prozent wird von den katholischen Kirchen beider Basel bezahlt, die Kostengutsprache läuft Ende Jahr aus. Die Baselbieter Synode der katholischen Kirche sprach sich heute Abend einstimmig dafür aus, das Projekt für weitere drei Jahre zu unterstützen.

Obwohl das Angebot im Kanton Baselland bisher nicht direkt greift, zeigte sich Pascal Ryf, Präsident der Kirchensynode, im Vorfeld der Entscheidung unbesorgt. «Bereits an der letzten Sitzung wurde darauf gepocht, dass die Planung vorangetrieben wird», so Ryf.

Es sei je länger je wichtiger, dass die Kirche auf die Menschen zugeht, anstatt darauf zu warten, dass die Menschen sie aufsuchen. Bei einem Projekt wie diesem sei es gleich doppelt wichtig: «Wir gehen zu den Menschen und zwar zu denen, die uns brauchen», sagt Ryf. Die Kirche engagiere sich auch bei anderen Projekten vor Ort, es gäbe aber noch Luft nach oben, meint der Präsident selbstkritisch.

Ein zweites Tabuthema auf der Traktandenliste

Die Basler Synode der katholischen Kirche hat bereits im September entschieden, das Projekt weiterführen zu wollen. Doch die «Seelsorge im Tabubereich» war nicht das einzige Mal am gestrigen Abend, dass Tabuthemen diskutiert wurden.

Die Synode verabschiedete eine Resolution zuhanden der internationalen Bischofskonferenz in Rom. Der Papst möchte an dieser Konferenz über den «Schutz von Minderjährgen» sprechen.

Die Resolution fordert eine umfassende und unabhängige Aufarbeitung und Aufklärung aller Missbrauchsfälle sowie die Unterstützung der Opfer. Es brauche Reformen, die die Diskriminierung von Frauen beende und auch strukturelle Reformen, um Machtmissbrauch künftig zu verhindern.

Die Bischofskonferenz findet im Februar statt. Die Resolution richtet sich an den Basler Bischof Felix Gmür, der ab Anfang nächsten Jahres das Amt als Präsident der Schweizer Bischofskonferenz antritt. Es sei wichtig, dass die Schweizer Delegation bei dieser Konferenz eine klare Haltung vertrete, betont Ryf.

Die Baselbieter Synode ist nicht die erste Sektion, die eine entsprechende Resolution verabschiedet. Die Resolution beruht auf einer eingereichten Resolution aus dem Kanton Thurgau.

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