Für das Gespräch mit Tatjana Binggeli hat der Dolmetscherdienst Procom einen Gebärdensprachdolmetscher zur Verfügung gestellt. Ein freundlicher Service, der für Binggeli nicht nötig gewesen wäre: Sie liest die Fragen mühelos von den Lippen des Interviewers ab. Nein, er, der hier schreibende Journalist, ist auf die Simultanübersetzung angewiesen. In der Dreierrunde ist er der Handicapierte.

«Jede und jeder kann in einer bestimmten Situation behindert oder eingeschränkt sein», sagt Binggeli. Das sei letztlich eine Frage der Perspektive. In der Wahrnehmung der Gesellschaft werden dennoch Gehörlose wie Tatjana Binggeli als behindert angesehen. Die 44-Jährige sieht sich täglich mit Vorurteilen und Diskriminierungen konfrontiert. Es sind weniger Unverständnis oder offene Anfeindungen, als vielmehr alltägliche und strukturelle Benachteiligungen, die ihr das Leben schwer machen.

Von den SBB diskriminiert

Etwa die Tatsache, dass in Zügen und Trams wichtige Informationen ausschliesslich via Lautsprecher wiedergegeben werden. Wer nichts hört, kriegt nichts mit. Oder dass im Fernsehen nur vereinzelte Sendungen Untertitel für Menschen mit einer Hörbehinderung aufweisen. «Wir Gehörlosen und Schwerhörigen bezahlen auch Billag-Gebühren und haben ein Anrecht auf Informationen», fordert Binggeli. Gravierend sei es bei den Privatsendern: Deren Angebot sei für Menschen mit Hörbehinderung unbrauchbar.

Tatjana Binggeli ist seit Geburt taub. Immer wieder müsse sie Steine aus dem Weg räumen. Über die Jahre sei sie so zur «Steine-Sprengerin» geworden. Bei ihr klingt das weniger anklagend als vielmehr kämpferisch. Die 44-Jährige hat dank viel Ehrgeiz und Energie – und dank der moralischen Unterstützung der Eltern, wie sie betont – Bemerkenswertes geleistet: Sie ist die einzige Gehörlose in der Schweiz mit einem Doktortitel.

Die Medizinerin ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Universitätsspital Basel tätig. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, er ist gehörlos und Gebärdensprache-Coach beim Schweizer Fernsehen, sowie zwei hörenden Kindern lebt sie in Möhlin. Kürzlich ist sie zur Präsidentin des Schweizerischen Gehörlosenbundes SGB-FFS gewählt worden. Viel lieber aber als über ihre Person würde die frischgebackene Präsidentin über ihre Forderungen zur Besserstellung der Menschen mit einer Hörbehinderung reden – da sprudeln die Ideen nur so aus ihr heraus.

Dabei ist ihr Lebensweg das eigentlich Interessante. Wie hat sie – ohne Hilfe der Uni – ihr Studium gemeistert? Das sei vor allem ein grosser organisatorischer Aufwand gewesen, berichtet Binggeli. Zwei Gebärdensprache-Dolmetscherinnen begleiteten die Studentin zu den Vorlesungen und Seminaren, wobei sich diese darauf vorbereiten mussten. Mit zunehmender Dauer des Studiums seien sie dann – verständlicherweise – an Grenzen gestossen.

«Da musste ich dann die Übersetzung der Dolmetscherin ein zweites Mal für mich ins Fachvokabular übersetzen», berichtet Binggeli. Immer wieder fand sie kreative Wege, um an die benötigten Informationen zu gelangen. Das war schon im Gymnasium so, als sie Kohlepapier an ihre Mitschüler verteilte, um deren Abschriften aus dem Unterricht zu erhalten. Beim Ablesen der Lehrer-Lippen bekam sie beim besten Willen nicht alles mit.

Der hohe Zusatzaufwand und die Skepsis, die ihr entgegenschlug, konnten sie nicht von ihrem Weg abbringen. Sie habe bereits als Kind einen starken Willen gehabt. «Als ich sagte, ich wolle Medizin studieren, da haben einige gelacht – auch Fachleute.» Die junge Frau wollte sich und der Welt beweisen, dass sich Gehörlose nicht «nur» in handwerklichen Berufen wie Koch oder Schreiner durchsetzen können.

«Ein Gewinn für die Wirtschaft»

Was haben Gehörlose den Hörenden voraus? «Vieles», schiesst es aus Binggeli heraus – und sie lächelt. «Wir Gehörlosen sind ein Gewinn für die Wirtschaft.» Leider sähen noch immer viele Arbeitgeber eher die Behinderung als die Qualifikation. Als Studentin half sie in einem Praktikum am Hirslanden-Spital einem Patienten, der nach einer Kehlkopfoperation zu schwach gewesen war, um laut zu sprechen oder seine Wünsche aufzuschreiben.

Das Pflegepersonal war ziemlich überfordert. «Ich konnte von seinen Lippen ablesen, er wollte einen heissen Tee ohne Zucker.» So sei sie die Bezugsperson des Patienten geworden. Gehörlose seien auch deshalb gute Arbeitskräfte, weil sie sich sehr gut konzentrieren könnten. «Im Gegensatz zu Hörenden werden wir nicht so leicht abgelenkt.»

Trotz speziellen Fähigkeiten und Vorteilen schaffen es viele Gehörlose nicht in den ersten Arbeitsmarkt. Tatjana Binggeli will das ändern. Der Schlüssel für einen «barriere-freien» Zugang zur Schulbildung ist für sie die Anerkennung der Gebärdensprache als fünfte Schweizer Landessprache. Das ist ihr grosses Ziel als Verbandspräsidentin. Die Anerkennung brächte eine klare Struktur in die Ausbildung – noch fehlt ein staatlich anerkannter Lehrgang in der Gebärdensprache.

Gäbe es diesen, könnten den Regelschulen und öffentlichen Institutionen Vorgaben gemacht werden. Ein stärkerer gesellschaftlicher Einbezug der Gebärdensprache ist für Binggeli zwingend. Im Rahmen ihrer Doktorarbeit hat sie herausgefunden, dass 80 Prozent der Menschen mit einer Hörbehinderung mit dem Gesundheitswesen unzufrieden sind.

In der Schweiz sind das neben den 10 000 Gehörlosen eine knappe Million Menschen mit einer Hörbehinderung. Diese Unzufriedenheit ist alarmierend, zumal umgekehrt in einer anderen Studie 90 Prozent der befragten Ärzte und Pflegenden angeben, ihrer Ansicht nach gut und rücksichtsvoll mit den hörbehinderten Patienten umzugehen.

Gebärdensprache als Schulfach

Um gleichen Zugang und gleiche Chancen für Gehörlose und Schwerhörige zu gewährleisten, müsste an jeder Schweizer Volksschule neben den gesprochenen Sprachen die Gebärdensprache unterrichtet werden. Binggeli ist Realistin genug, um zu erkennen, dass dies in absehbarer Zeit kaum umsetzbar sein wird. Doch eine Forderung lässt sie sich nicht nehmen: «Die Gebärdensprache müsste zumindest als Regelfach in den Lehrplänen der Volks- und Sonderschulen eingeführt werden.»

Es brauche standardisierte bilinguale Konzepte, Unterrichtsmaterialien in Gebärdensprache und Lehrer mit geprüften Gebärdensprachkompetenzen. Die Fricktalerin besuchte in ihrer Kindheit zunächst die Gehörlosen- und Schwerhörigenschule und wurde erst mit 17 in eine Regelklasse integriert. «Ich konnte nicht frei entscheiden, welchen Bildungsweg ich gehen wollte, ja ich wurde gar von einigen Fachleuten daran gehindert.» Offenbar aus Vorurteilen heraus, Gehörlose seien weniger intelligent oder kompetent.

Hat sie sich je überlegt, ein Cochlea-Implantat, also eine Hörprothese, einbauen zu lassen? Sie habe sich im Alter von 17 Jahren einer Voruntersuchung unterzogen, sagt sie. Sie entschied sich aber dagegen, obwohl der Arzt mehrmals versucht hatte, sie umzustimmen. Ein Mensch mit einer Hörbehinderung bleibt auch mit Cochlea-Implantat hörbehindert.

«Dieses hilft, besser zu hören, es beseitigt jedoch nicht die gesellschaftlichen Barrieren», findet Binggeli. Doch selbst wenn es ein Wunder-Gerät gäbe, das ein Super-Hörerlebnis bescherte, würde Binggeli ablehnen: «Ich möchte gar nicht hören wollen. Das wäre für mich fremd, ja unvorstellbar.» Sie sei taub aufgewachsen und zufrieden mit sich.

Sie betont, dass das ihre persönliche Meinung sei. «Ich kann verstehen, wenn das jemand anders sieht. Nicht in Ordnung ist aber, umgekehrt die Gebärdensprache als vollwertige Sprache zu unterdrücken und die Technologie als Ersatz zu sehen.»