Die 2012 gegründete Volksbühne Basel öffnet sich allen Kulturen und Schichten in der Stadt, begreift deren Vielfalt als Reichtum und fragt in ihren Produktionen nach dem Selbstverständnis des Einzelnen in einer sich dynamisch verändernden Gesellschaft. Das neue Stück heisst «Frauen»; Konzept und Regie stammen von Anina Jendreyko, der Basler Schauspielerin und Theaterschaffenden mit grosser Erfahrung in interkulturellen und Education-Projekten. Premiere ist am Samstag im Birsfelder Roxy.

Frau Jendreyko, was war der Kern der neuen Arbeit?

Anina Jendreyko: Die Frage: Wo stehen wir Frauen in der heutigen städtischen Gesellschaft? Die bewegt mich als politisch denkender Mensch und bewegt mich als Frau. Ich bin in den 80er-Jahren gross geworden, habe als Kind in den 70er-Jahren schon die Frauenbewegung mitbekommen. Wo stehen wir jetzt? Wir verstehen uns ja alle als emanzipierte Frauen.

Die Aufführung basiert auf Interviews mit Frauen. Wie verlief der Auswahlprozess? Und wie dann der Arbeitsprozess bis hin zum Stück?

Bei der Auswahl spielten ganz verschiedene Faktoren eine Rolle. Hat jemand Zeit? Ist jemand mit dem, was man zahlen kann, einverstanden und hat Lust auf so ein Projekt, das erst entwickelt wird – das ist ja mit sehr viel Aufwand verbunden. Es war mir wichtig, Frauen aus der Vielfalt der Gesellschaft heraus auf der Bühne zu haben, auch ältere Frauen. Eine ist 30, alle anderen sind 50, eine über 60. Ich hätte am liebsten auch eine 80-jährige Schauspielerin dabei gehabt, aber man muss sich den Arbeitsbedingungen auch ausliefern können, und die sind anstrengend. Aus der riesigen Fülle von Geschichten und Interview-Material haben sich dann einerseits Figuren entwickelt, die stellvertretend stehen für gewisse Inhalte, und andererseits Szenen zu Themen, die eigentlich bei allen Frauen sehr ähnlich sind. In diesen zwei Formen arbeiten wir: Einer Verallgemeinerung in Gruppenbildern, und mit Figuren, die stellvertretend für einen Teil von Frauen stehen. Und dieser Prozess gelang auch durch die erneute Zusammenarbeit mit Tabea Rothfuchs, die die Bühne und die mediale Szenografie macht.

Gab es vor den Interviews schon eine Vorstellung davon, worauf der Abend hinauslaufen sollte?

Nein, ich lasse mich auf eine Idee und auf die ganze Entwicklung ein. Ich suche; und daraus formt sich dann langsam das Stück. Und natürlich verändert sich dabei vieles von dem, was man sich zu Anfang vorgestellt hat.

Wurde eher nach Verbindendem zwischen den Frauen gesucht, oder eher nach Vielfalt?

Die Vielfalt interessiert mich. Es stehen auch sehr unterschiedliche Frauen auf der Bühne. Ihre Geschichten sind unterschiedlich, und trotzdem gibt es grosse Schnittpunkte.

Zum Beispiel?

Es ist wirklich ein Stück über uns Frauen geworden, auch über das, was wir oft tabuisieren. Dass Frauen denken, dass sie selber scheitern, wenn sie Familie und Beruf nicht unter einen Hut bringen. Ich glaube, die Anforderungen an die Frauen sind heute um vieles höher als früher. Und wirkliche Gleichberechtigung ist, glaube ich, nur für Frauen möglich, die kinderlos bleiben oder Frauen, die sehr viel Geld haben. Und die Mutterfalle, wie Simone de Beauvoir es genannt hat, existiert auch heute noch. Das ist das eine.

Und das andere?

Und ein anderes Thema, das gerne tabuisiert wird: Wie wirken die äusserlich immer perfekteren Körperbilder auf uns? Was schneiden wir zurück? Was macht denn unsere Kraft aus? Und wohin geht unsere Sehnsucht? Ist das, was in unserer Gesellschaft geschieht, wirklich in dem Sinn, wie wir uns das Leben vorstellen? Oder sollen wir Frauen bloss auch in die Profitmaximierung eingebunden werden?

Der Untertitel «Glühende Wangen unter den Füssen» kann irritieren. Was meinen Sie damit?

Glühende Wangen, das ist für mich ein unheimlich schönes Bild: Es meint Aufregung, Bewegtsein, auch Erregtsein, und die Füsse: Da ist die Bewegung drin. «Glühende Wangen unter den Füssen»: Das ist für mich der Hunger nach Raum, ein Hunger nach Handlung und Bewegung, hin zu unserer Kraft.