Trachtennäherin

«Trachten sind Tradition – Dirndl sind Folklore» – Marianne Gysin verleiht dem Eidgenössischen in Pratteln Glanz

Marianne Gysin in der 13-teiligen Baselbieter Festtagstracht in der heimischen Stube.

Marianne Gysin in der 13-teiligen Baselbieter Festtagstracht in der heimischen Stube.

Die Baselbieterin Marianne Gysin ist eine der letzten Trachtennäherinnen im Kanton. Jetzt hat sie einen Grossauftrag erhalten.

Die Anlässe mit traditionellem Fokus boomen in der Region. In Bälde folgen die grossen Kaliber mit nationaler Ausstrahlung – im nächsten Jahr das Eidgenössische Jodlerfest in Basel, 2022 das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest in Pratteln.

Fast immer tangiert von solche Anlässen ist Marianne Gysin-Handschin aus Oltingen. Vor allem das Schwingfest beansprucht sie in einem Ausmass, dass sie «leider» ihr Gemeinderatsmandat im Frühjahr abgeben musste. Denn die Parteilose, die sich politisch in der Mitte ansiedelt, schätzte den Blick über den Oltinger Tellerrand auf die kantonale Ebene, den ihr das Mandat ermöglicht habe.

Der Grund für den Rückzug: Gysin ist eine der wenigen Trachtenschneiderinnen im Baselbiet, mit ihren 50 Jahren zudem die jüngste. Das weiss auch Regierungsrat und Schwingfest-OK-Präsident Thomas Weber, weshalb er sie kurzerhand engagierte.

Für Gysins Massstab für einen Grossauftrag, für Webers Massstab für eine Brosame im 30 Millionen Franken schweren Budget des Schwingfests: Gysin wird die zwölf Ehrendamen des Schwingfests mit der Baselbieter Festtagstracht einkleiden.

Wenn es um Trachten geht, kennt sie kein Pardon

Um einschätzen zu können, was das bedeutet, muss man wissen, was eine Festtagstracht ist. Das Baselbiet kennt nebst der Birsecker und Laufentaler Tracht drei Trachten unterschiedlicher Ausprägung: die einfache blau-weisse Werktags- oder Sommertracht, die wollene Winter-Sonntagstracht und das eigentliche Aushängeschild, die Festtagstracht. Diese besteht aus 13 Teilen vom roten Unterrock über den plissierten Jupe, die mehrfarbige Schürze, die weisse Bluse, das samtene Mieder, das gestickte Schultertuch bis hin zur Begine, dem neckischen Hütchen am Hinterkopf.

Ein Hütchen? «Die Begine gehört unbedingt dazu, auch wenn sie nicht mehr so oft getragen wird. Eine Tracht reicht von Kopf bis Fuss, da lege ich Wert drauf», sagt Gysin. Wenn es um Trachten geht, wird aus der umgänglichen, humorvollen Frau schnell eine strenge Frau.

Für das Nähen einer Baselbieter Festtagstracht braucht die gelernte Damenschneiderin mit Zusatzausbildung als Trachtenschneiderin etwa 70 Stunden. Dazu kommt das eigentliche Prunkstück, das seidene Schultertuch mit seinen aufwendig gestickten Blumenmustern, das Gysin nicht selber herstellt.

Mit dem Nähen ist es aber für Gysin nicht getan – sie muss mithelfen, die Stoffe zu organisieren. Für einen Grossauftrag wie jenen vom Schwingfest hat die Trachtenvereinigung Baselland zu wenig Material an Lager. Ein Beispiel: Allein für die Herstellung eines einzigen Jupes braucht es fünf Meter Stoff, und zwar ein Wolle-Leinen-Gemisch. Gysin hat zusammen mit der Trachtenvereinigung bei der Handweberei in Santa Maria im Bündner Münstertal die benötigte Menge geortet.

Mutter und Grossmutter trugen auch Trachten

Damit sie mit der eigentlichen Arbeit beginnen und als erstes Mass nehmen kann, müssen die zwölf Ehrendamen noch ausgewählt werden. Dieser Prozess beginnt nach dem in zwei Wochen stattfindenden Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Zug.

Gysin, die auf dem Hof Grosstannen in Bubendorf aufgewachsen ist, kam ab Kindsbeinen mit Trachten in Berührung. Sowohl ihre Mutter wie auch ihre Grossmutter hätten bei festlichen Anlässen immer Trachten getragen. Den Ärmel richtig hereingenommen habe es ihr bei einer Trachten-Hochzeit: «Das war so schön, das hat mich fast umgehauen. Ich war damals schon Damenschneiderin und wollte unbedingt auch anerkannte Trachtenschneiderin werden.»

Bei der Trachtenvereinigung habe man nicht so recht gewusst, was man mit ihr als junge Frau anfangen soll, erzählt Gysin. Schliesslich nahm sie die erfahrene, inzwischen verstorbene Trachtenschneiderin Susi Rychener aus Arisdorf unter ihre Fittiche und brachte ihr während einer zweijährigen, berufsbegleitenden Ausbildung Tricks und Kniffs dieses ganz eigenen Berufszweigs bei. Als Prüfung musste Gysin im Jahr 1992 alle drei Baselbieter Trachten, also Sommer-, Winter und Festtagstracht, auf Mass nähen.

Mittlerweile ist Gysin mangels Trachtenschneiderinnen im Kanton – es gibt nebst ihr noch eine Handvoll – selbst zur Ausbildnerin geworden: Sie führt seit etwas mehr als einem Jahr ihre Tochter Sandra sowie Andrea Gschwind aus Therwil, beide Damenschneiderinnen, ins Metier ein. Sie werden ihr auch bei der Bewältigung des Grossauftrags behilflich sein.

Gysin selbst ist in der Szene eine Kapazität und betreibt auf dem heimischen Hof in Oltingen seit vier Jahren die «Trachtenstube»: Hier fertigt sie neue Trachten an, kauft oder nimmt nicht mehr gebrauchte in Kommission, lagert, vermietet und verkauft sie und nimmt Änderungen vor. So hat sie vor kurzem auch die fünf Ehrendamen des kantonalen Schwingfests in Läufelfingen mit Secondhand-Modellen eingekleidet.

Die Arbeiten rund um Trachten seien mindestens ein 50-Prozent-Job, schätzt Gysin. Eveline Meier, Präsidentin der Trachtenkommission der Trachtenvereinigung Baselland, sagt: «Marianne Gysin war und ist eine sehr aktive Trachtennäherin.»

«Trachten sind Tradition, Dirndl sind Folklore»

Eine neue Festtagstracht kostet je nach Ausstattung zwischen 6000 und 7000 Franken. Trotzdem boomt das Geschäft. Wieso? Gysin: «Der Stellenwert von Heimat und Tradition ist bei den Leuten gestiegen. Das begann mit dem Boom nach Edelweiss-Hemden und zeigt sich seit einem halben Dutzend Jahren auch bei den Trachten.» Frauen würden heute wieder vermehrt in Trachten heiraten.

Für Gysin eine Selbstverständlichkeit: «Ich ziehe die Festtagstracht zu allen festlichen Anlässen wie Konfirmationen, Hochzeiten oder Geburtstagen an. Ich fühle mich darin extrem wohl und habe ein stolzes Gefühl.»

Gleichzeitig zieht sie einen Trennstrich: «Trachten sind Tradition – Dirndl und ähnliches sind Folklore.» Dass sie als anerkannte Trachtenfrau nicht allzu viel Spielraum hat, musste sie kürzlich an den kantonalen Musiktagen in Bretzwil erfahren. Dort trat die begeisterte Klarinettistin, die bei der Baselbieter Polizeimusik spielt, beim Projekt «Böhmischer Traum» des Musikverbands beider Basel wie alle Frauen im Dirndl auf. Danach habe sie sich rechtfertigen müssen, erzählt sie schmunzelnd.

Trachten sind zu einem wichtigen Teil in Gysins Leben geworden. Daneben gibt es aber noch anderes: Auf dem Spielhof mit den Hauptstandbeinen Mutterkuhhaltung, Acker- und Obstbau am Rande von Oltingen ist die vierfache Mutter vor allem für den Gemüsegarten und den Innendienst zuständig. Sie ist aber auch auf dem Heukran und, wenn es sein muss, auf dem Traktor zu sehen. Daneben führt sie eine Hofspielgruppe.

Doch die Trachten sind weiter auf dem Vormarsch. Gysin sagt: «Ich habe meinem Mann angekündigt, dass ich ein grosses Atelier brauche, in dem ich mich ausbreiten kann. Trachtennähen ist meine Lebensaufgabe, solange ich mag und kann.»

Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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