Im gebeutelten Waldenburg werden gute Nachrichten aus der verbliebenen Firmenwelt etwa so bereitwillig aufgesogen wie Wasser von einem Schwamm. So war es auch vor etwas mehr als einem Jahr, als der damalige CEO des Traditionsunternehmens Revue Thommen, Ulrich Dembinski, verkündete, dass seine Firma ihren Umsatz bis 2020 auf 70 Millionen Franken verdreifachen und den damaligen Personalbestand von 90 Personen verdoppeln werde. Regionale Medien nahmen die Botschaft dankbar und unhinterfragt auf, der Waldenburger Gemeinderat freute sich öffentlich.

Heute ist fast alles anders: Der Heilsverkünder Dembinski ist schon wieder weg, Revue Thommen heisst mittlerweile Thommen Aircraft Equipment, und auf Anfang Oktober haben die Besitzverhältnisse erneut gewechselt. Das Waldenburger Unternehmen wurde nach nur drei Jahren im Schosse des irisch-russischen Firmenkonglomerats Transas-Group an einen der grössten russischen Investoren namens Sistema weiterverkauft, zu dessen Anlageportfolio unter anderem russische Unternehmen in den Branchen Telekommunikation, Energie, High-Tech und Medien gehören. Die Veränderungen führten in Waldenburg zu Verunsicherungen und Existenzängsten beim Personal, die durch eine kürzlich verschobene Personalversammlung zusätzlich angeheizt wurden.

Firma in heikler Phase

Ebenfalls nicht vertrauensfördernd wirken breiter gestreute Mails von einem ehemaligen Mitbesitzer, der den Verantwortlichen während der Transas-Zeit Misswirtschaft unterstellt und das nahe Firmenende andeutet. Dieser frühere Insider, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, kritisiert insbesondere, dass nicht in neue Produkte investiert, sondern am Hauptstandbein mechanische Fluginstrumente festgehalten worden sei.

Dies sei heutzutage etwa so erfolgversprechend, wie in Smartphone-Zeiten auf die alte Hasler Telefondrehscheibe zu setzen. Er und seine Mitbesitzer hätten die Revue Thommen im Mai 2012 an den Luftfahrttechnik-Konzern Transas verkauft, mit dem man zuvor während Jahren gut zusammengearbeitet hatte. Darin habe man die einzige Möglichkeit gesehen, «die Mutter aller Firmen im Waldenburgertal» zu erhalten.

Ist die einst so stolze Revue Thommen (siehe Kasten) also jetzt kurz vor dem Ende? «Nein, uns gibt es auch noch nächstes, übernächstes und überübernächstes Jahr», sagt Stéphane Jaquier, seit einem halben Jahr CEO der Thommen Aircraft. Jaquier verheimlicht aber nicht, dass sich die Firma mit ihren derzeit 78 Angestellten in einer schwierigen Übergangsphase befindet: «Das Nachfragevolumen für mechanische Fluginstrumente ist seit zehn Jahren am Sinken und die Firma verliert seit längerem Geld mit dieser Produktlinie. Man hätte schon lange in neue Produkte investieren müssen. Die neuen Besitzer analysieren die Situation jetzt und bauen eine neue Strategie auf.»

Es seien drei Szenarien denkbar, so Jaquier weiter: neue Produkte hereinzuholen oder selber zu entwickeln, die nicht rentablen Aktivitäten zu verkaufen oder sie einzustellen. Doch neben dem defizitären Geschäft mit dem einstigen Firmen-Aushängeschild mechanische Fluginstrumente, die zumindest europaweit sonst niemand mehr produziert, betreibt Thommen Aircraft auch noch andere, offenbar gut laufende Geschäftsfelder wie Helikopter-Suchscheinwerfer für Rettung und Polizei und digitale Höhenmesser.

Das Problem dabei umschreibt Finanzchef Bernhard Kranz so: «Wir kämpfen nun schon seit drei Jahren für die Erhaltung jedes einzelnen Arbeitsplatzes. Aber ohne ein Ersatzprodukt für den unrentablen Teil der Fluginstrumente können wir nicht unsere ganze Belegschaft behalten.» Und CEO Jaquier kündet an, dass er die abgesagte Personalversammlung nachholen werde, sobald er in die Zukunftsstrategie vom neuen Besitzer mit einbezogen worden sei. So tönt es, wenn man zu einem unbedeutenden Anhängsel eines Firmengiganten im fernen Russland geworden ist.