Liestal

Trauerflor über dem Städtchen: Zum ersten Mal seit 367 Jahren findet der Banntag nicht statt

Trommelnd durchs Stedtli im Pulverdampf: Dieses Jahr bleibt bloss die Erinnerung an vergangene Banntage.Bild: Juri Junkov (7. Mai 2018)

Trommelnd durchs Stedtli im Pulverdampf: Dieses Jahr bleibt bloss die Erinnerung an vergangene Banntage.Bild: Juri Junkov (7. Mai 2018)

Coronabedingt kann der Banntag in Liestal nicht stattfinden. Der Liestaler Kulturwissenschaftler Dominik Wunderlin über die Absage.

Als vor einigen Jahren eine grosse Versicherungsanstalt nach den glücklichsten Schweizern fahndete, war für Basel das Resultat unschön: Da die Basler übermässig oft nach den negativ besetzten Stichwörtern googeln, seien sie die traurigsten Schweizer. Aber was soll’s, die Versicherung war ein Zürcher Unternehmen und hier in der Regio weiss ohnehin jeder und jede, was sie an der Fasnacht haben.

Und die Liestalerinnen und Liestaler sind zudem stolz, dass sie mit ihrem fasnächtlichen Feuerbrauch, dem «Chienbäse», erst noch etwas Eigenständiges besitzen, das nicht nur grosse Wärme verbreitet, sondern die Teilnehmenden auch heiter und fröhlich macht. Solches darf man mühelos auch vom Banntag behaupten. Aber dieser fällt heuer ebenso flach wie schon die Fasnacht: nach der Corona-Fasnacht also auch noch einen Corona-Banntag!

Nicht auszuschliessen wäre also, dass eine aktuelle Blitzumfrage im Liestaler Stedtli unter dem Strich ergäbe: Im Kantonshauptort wohnen derzeit die traurigsten Schweizer. Dazu würden sich nicht nur die Männer, sondern zumindest auch jene Frauen bekennen, die jeweils beim Ausmarsch um 8 Uhr morgens am Strassenrand stehen und zum Abschied winken (eingerechnet die Politikerinnen am Fenster des Regierungsgebäudes). Und auch jene Primarschulkinder würden sagen, heute «megatraurig» zu sein, da sie heute zwar frei haben, aber nicht zu einem Schnäppchenpreis in den derzeit noch immer verriegelten Europa-Park fahren können (statt an der Spitze einer Rotte einzustehen und in den Wald mitzukommen).

Trotz traumhaften Wetters liegt an diesem heutigen 18. Mai ein Trauerflor über dem Städtchen, weil die Pandemie eine Zusammenrottung in den vier Rotten verunmöglicht und von den Behörden jegliche banntagsähnliche Kundgebung untersagt ist. Schon jetzt ist klar, dass dieser Nicht-Banntag 2020 für Lokalhistoriker und Banntagschronisten zu einem besonderen Vermerk führt.

Denn in der Tat muss man bis in die Zeit des Schweizer Bauernkriegs von 1653 zurückblättern, bis man auf ein Banntagsverbot stösst: Damals hatte die Basler Obrigkeit den aufständischen Liestalern das Recht entzogen, feierlich ums Bann zu gehen. Dies wurde als starke Demütigung empfunden. Rasch sahen dies auch die gnädigen Herren ein und bewilligten den Banntag schon 1657, ab 1661 sogar wieder mit Fahne.

Bitte kein «Guerilla-Banntag»!

Es ist also heute das erste Mal seit über 350 Jahren, dass das Undenkbare eingetroffen ist. Schuld daran ist kein Krieg, sondern ein unsichtbarer Gegner. Dieser hat es also geschafft, dass an diesem Montag keine Männer mit Maien am Hut zu sehen sind, dass das Törliglöggli nicht ertönt, dass keine Schüsse aus Vorderladern abgefeuert werden und dass es keinen Znünihalt gibt. Dies alles und noch mehr lässt sich aber in diesen Coronazeiten nicht durch einen «Guerrilla-Banntag» oder einen Videochat mit Rottenkameraden (mit Maien am Hut inklusive) ersetzen. Allein schon der Gedanke, ihnen heute mit meinem «Ehrenmuff» virtuell zuzuprosten, verursacht Kopfweh. Darum, liebe Banntägler, haltet durch und freut Euch auf den Banntag am 10. Mai 2021! Das Wiedersehen wird grossartig sein. Mit Sicherheit!

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