Fussballgewalt

Trotz regelmässiger Ausschreitungen in der Region: Bund will Chaoten nicht härter anfassen

Rund 100 FCZ-Fans stürmten im September 2017 den Prattler Bahnhofplatz und richteten viel Sachschaden an.

Rund 100 FCZ-Fans stürmten im September 2017 den Prattler Bahnhofplatz und richteten viel Sachschaden an.

In den vergangenen Jahren ist es nach Auswärtsspielen im St. Jakob-Park immer wieder zu Ausschreitungen von Chaoten gekommen. Trotzdem sieht der Bundesrat keinen unmittelbaren Handlungsbedarf.

Überfallartig strömten über 100 Fans des FC Zürich auf den Prattler Bahnhofplatz. Sie zündeten Knallkörper, warfen Bierflaschen oder Schottersteine auf Autos und Schaufenster. Sachschaden: rund 250'000 Franken.

Nach der 0:1-Niederlage gegen Basel von Ende September hatten die gewaltbereiten Chaoten schon im Rangierbahnhof Muttenz die Notbremse gezogen. Dort konnte die Polizei das Aussteigen noch verhindern, wenig später in Pratteln war sie machtlos. Erst nach einigen Minuten konnte sie die Randalierer wieder in den Extrazug drängen, der ebenfalls arg in Mitleidenschaft gezogen wurde. Es kam zu Verspätungen und Zugausfällen. Zu Verhaftungen kam es dagegen nicht.

Bundesrat zieht positive Bilanz

Immer wieder ist es in den vergangenen Jahren nach Auswärtsspielen im St. Jakob-Park zu Ausschreitungen von FCZ-Chaoten gekommen. Thomas de Courten hat die Nase endgültig voll. Auch der Bund müsse sich seiner Verantwortung stellen, hatten der Baselbieter SVP-Nationalrat und seine Mitstreiter gefordert. Denn: Trotz des Hooligan-Konkordats sei die Liste mit Vorfällen Jahr für Jahr ellenlang. Der Bund müsse daher weitere Möglichkeiten ausloten, mit denen Gewaltausschreitungen unter dem Deckmantel der Fankultur zu minimieren seien.
Nun hat der Bundesrat reagiert. Seine Antwort auf den parlamentarischen Vorstoss entspricht aber gar nicht de Courtens Vorstellungen: Mit dem Hooligans-Konkordat ist die Landesregierung bisher mehrheitlich zufrieden.

So sei es positiv zu werten, dass Behörden, Sportorganisationen und Transportunternehmen gemeinsam vorgehen. «Der ganzheitliche Ansatz fördert den Dialog und trägt dazu bei, dass die von Behörden und Privaten ergriffenen Massnahmen ihre Wirkung entfalten können», schreibt der Bundesrat. «Es kann somit eine positive Bilanz gezogen werden.» Auf die Krawalle in Muttenz und Pratteln geht er mit keinem Wort ein. «Er blendet sie einfach aus», ärgert sich de Courten. «Das ist sehr befremdlich.»

Der SVP-Nationalrat reagierte mit seinem Vorstoss auf ein Schreiben des Prattler Gemeinderats, in dem dieser Politiker um Hilfe anrief. Der Erlass von Empfehlungen und die Schaffung von Plattformen seien nicht ausreichend, findet die Gemeinde. Es brauche verbindlichere Grundlagen: So sei etwa die Wirkungsmöglichkeit der Täter zu minimieren – beispielsweise durch eine strengere Reglementierung des Transports. Aber auch die Klubs seien verbindlich zu verpflichten, ihrer Verantwortung nachzukommen. «Nur so kann sichergestellt werden, dass schliesslich nicht die Bevölkerung und die Gewerbetreibenden die Geschädigten sind», so der Gemeinderat. Auch regionale Bundesparlamentarier regen strengere Vorgaben für Klubs und Fantransporte an. Gleichzeitig stellen sie infrage, ob die bisherigen Massnahmen genügen, um Gewalttäter zu identifizieren und zu sanktionieren.

Griffigere Massnahmen gefordert

Der Bundesrat sieht allerdings keinen unmittelbaren Handlungsbedarf. Das heutige Recht biete den Behörden bereits viele Möglichkeiten zur Identifizierung und Bestrafung von Gewalttätern. Dabei zählt der Bundesrat etwa Videoüberwachung, Stadion- und Rayonverbote, Meldeauflagen oder Ausreisebeschränkungen auf. Im internationalen Vergleich zeige sich, dass die Schweiz gut gerüstet sei. Zudem würden die Fussballliga sowie die Vereine die Überwachung an Eingängen und im Innern der Stadien intensivieren.

Gleichzeitig weist der Bundesrat darauf hin, dass das Parlament die von ihm vorgeschlagene Aufhebung der SBB-Beförderungspflicht bei militanten Fangruppen abgelehnt hatte. Die Bahn führe aber Fanextrazüge, um Chaoten von Regelzügen fernzuhalten. Dazu existierten jedoch nur mit den Berner Young Boys und dem FC Luzern schriftliche Vereinbarungen. Ansonsten gebe es nur mündliche Abmachungen. Kommt hinzu: Die Vereinbarungen ziehen keine finanzielle Verantwortung und Haftung nach sich. Ohnehin aber sei ein Runder Tisch mit den Betroffenen zum Schluss gekommen, «dass der gemeinsame, partnerschaftliche Weg erfolgsversprechender ist als einseitige Verschärfungen». Dennoch prüften die SBB nun weitere Massnahmen.

Damit gibt sich Thomas de Courten aber nicht zufrieden: «Es kann nicht sein, dass 100 FCZ-Fans alles kurz und klein schlagen und unbehelligt davonkommen», findet er. Es brauche griffigere Massnahmen. Der Bundesrat aber schiebe den Schwarzen Peter einfach an die Kantone weiter. Auch Stephan Burgunder ist mit der Antwort gar nicht zufrieden: «Offensichtlich ist dem Bundesrat der Schutz der Randalierer wichtiger als der Schutz der Geschädigten», kommentiert der Prattler Gemeindepräsident. Die Situation bleibe unbefriedigend resümiert de Courten und verspricht: «Wir bleiben sicher am Ball.»

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