Hochwasserschutz

Überschwemmungen in Muttenz: «Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht»

Ein Dorfbach als reissende Brühe: Mit diversen Massnahmen will Muttenz solche Bilder künftig verhindern.

Ein Dorfbach als reissende Brühe: Mit diversen Massnahmen will Muttenz solche Bilder künftig verhindern.

Nach den Überschwemmungen an Pfingsten kam der Vorwurf auf, Muttenz habe bei der Hochwasser-Prävention geschlafen. Die Gemeinde wehrt sich gegen den Vorwurf der Untätigkeit – und dämpft Erwartungen.

Herr Vogt, Sie waren selber betroffen vom Hochwasser in Muttenz über Pfingsten. Funktioniert der Telefon-Anschluss wieder?

Peter Vogt: Wir hatten Wasser im Keller – das war jedoch harmlos im Vergleich zu anderen Geschädigten. Aber ja, wir können wieder telefonieren.

Und es regnet weiter. Drohen Muttenz erneut Überschwemmungen?

Joachim Hausammann: Es hat seither tatsächlich immer wieder geregnet, und es sind weitere Niederschläge angekündigt. Wir sind, soweit dies möglich ist, darauf vorbereitet. Sobald Regen fällt, begeben sich Mitarbeiter des Werkhofs zu den kritischen Stellen, auch ein Bagger steht bereit. Seit den Hochwassern an Pfingsten sind uns keine weiteren Schäden bekannt, jedenfalls nicht im Siedlungsgebiet.
Peter Vogt: Kulturland jedoch ist teilweise massiv betroffen. Es ging viel Ackerland verloren. Das konnte man auch bei den Überschwemmungen sehen: Der Dorfbach führte viel Erde mit sich, war eine reissende braune Brühe.

Hochwasser Muttenz am 14. Mai 2016

Hochwasser Muttenz am 14. Mai 2016

Nach den Überschwemmungen kam der Vorwurf auf, Muttenz habe bei der Hochwasser-Prävention geschlafen. Wäre das geplante neue Einlaufbauwerk oberhalb des Dorfes schon da, hiess es, so wäre der Bach nicht so stark über die Ufer getreten.

Hausammann: Dieses Einlauf-Bauwerk ist eine lange Geschichte. Aber der Vorwurf, wir hätten geschlafen, ist nicht berechtigt. Über die Kritik, die auch in einem bz-Artikel transportiert wurde, haben wir uns im Gemeinderat geärgert, denn sie ist nicht fair. Mit Halbwahrheiten wurde hier Stimmung gemacht. Auch dem Personal, das extrem gute Arbeit leistet, setzte das zu.

Fakt ist doch: Das Projekt für das neue Überlauf-Bauwerk liegt seit Jahren vor, ist aber nicht realisiert.

Hausammann: Korrekt ist: Das Projekt ist zwar seit Jahren Thema, liegt aber erst seit kurzem bewilligt vor, und die Planauflage startet noch diesen Monat. 2010 lag das Projekt Ableitung Dorfbach vor. Jedoch war ein neues Einlaufbauwerk nicht Bestandteil dieser Planung. Das Ziel lautete ursprünglich, dieses Projekt bis 2012 zu realisieren. Wegen des Widerstands von Grundeigentümern musste das ursprüngliche Projekt um ebendieses neue Einlaufbauwerk erweitert werden. Ende 2012 genehmigte die Gemeindeversammlung den nötigen Zusatzkredit. Leider waren wir dann von 2013 bis 2015 mit anderen Projekten beschäftigt.

Mit welchen?

Hausammann: Hinsichtlich der geplanten Erhaltungsmassnahmen für den Schänzli-Tunnel zum Beispiel sollten koordiniert sämtliche umliegenden Kantonsstrassen saniert werden. Da sind wir als Gemeinde involviert, können nicht einfach sagen: Schaut doch selber. Wir hatten auch eigene wichtige Tiefbauprojekte. Dies alles hat unsere personellen Ressourcen stark gebunden. Trotzdem haben wir im Frühjahr 2015 die Planung für das Einlauf-Bauwerk intensiviert und bereits damals erkannt, dass wir erst im November 2016 mit der Ausführung beginnen können.

Sie hätten die Prioritäten anders setzen können.

Vogt: Man hätte sollen, man hätte können … Das ist bemühend – im Nachhinein ist man immer gescheiter. Bei ausserordentlichen Ereignissen sind wir ein Stück weit machtlos. Auch andere Gemeinden standen unter Wasser, wir hatten es also nicht mit einem Muttenz-spezifischen Phänomen zu tun. Aber ja, ich räume ein: Aus heutiger Sicht würden wir unsere Prioritäten anders setzen, zumindest ein Stück weit.
Hausammann: Auf der anderen Seite: Wenn wir bei den erwähnten Strassenbauprojekten den Belag nach einem halben Jahr wieder aufgerissen hätten, statt alles in einem Zug zu erledigen, wären auch Vorwürfe gekommen: Wir würden uns nicht absprechen, Geld verlochen und so weiter. Und selbst mit dem neuen Einlaufbauwerk können erneute Überschwemmungen vorkommen. Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht.
Vogt: Die Reaktionen, die wir im Einsatz vor Ort erhalten haben, waren übrigens ausschliesslich positiv. Wir haben für unsere Hilfe viel Lob erhalten.

Es wurde auch moniert, dass Muttenz eine im Vergleich zu ähnlich grossen Gemeinden personell sehr gut dotierte Bauverwaltung besitzt. Sie hätte die Arbeiten somit doch erledigen können.

Vogt: Das ist so nicht wahr. Unsere Verwaltung ist nicht aufgebläht, wie es hiess. Das können wir belegen. Wir haben in der gesamten Bauverwaltung 140 Stellenprozente weniger als vor zehn Jahren und müssen wesentlich mehr Aufträge ausführen. Die Muttenzer Gesamtverwaltung liegt punkto Personalaufwand pro Einwohner auf dem Niveau von Münchenstein und Arlesheim. Pratteln liegt tiefer, aber dort werden viele Arbeiten extern vergeben, was unter dem Strich teurer kommt.
Hausammann: Dann muss man die Grössenverhältnisse beachten. Wir sind flächenmässig die zweitgrösste Gemeinde im Kanton, haben das grösste Siedlungsgebiet und das längste Strassennetz, was beides unterhalten werden muss. Aus dieser Sicht kommt man zum Fazit: Wir sind extrem effizient unterwegs.

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