Solche Phänomene sind selten geworden in der Medizin. Seit einigen Jahren wird Methadon als «Wundermittel» gegen Krebs gehandelt. Befeuert hat den Hype eine Reportage von «Stern TV» vom Juni 2017. «Ich glaube, ohne Methadon wäre ich längst nicht mehr da», sagt eine Frau in die Kamera.

Laut Erzählerstimme litt sie an einem Glioblastom. Der Hirntumor gilt als unheilbar. Der golfballgrosse Knoten sei jedoch nach dem Einsatz von Methadon verschwunden, erzählt die 38-Jährige. Die Diagnose sei ihr zwei Jahre zuvor eröffnet worden. Der Arzt habe ihr noch maximal 15 Monate zu leben gegeben – trotzdem sei sie noch immer hier, sagt sie ins Mikrofon. «Für mich ist es ein Wunder!»

Die Frau, welche die angeblich lebensrettende Nebenwirkung von Methadon entdeckt hat, heisst Claudia Friesen und ist Leiterin des Forschungslabors am Institut für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Ulm. 2007 beobachtete Friesen, dass Tumorzellen nach dem Kontakt mit dem Opioid absterben. Im Juni kommt die Chemikerin für einen Vortrag in die Region, um über Methadon als Wirkverstärker in der Krebstherapie zu referieren.

Fest steht: Der Gemeindesaal Jakobshof in Sissach wird zum Bersten voll sein – für viele Krebskranke ist Methadon die letzte Hoffnung, das Interesse an der Substanz entsprechend immens. Es dürften sich jedoch auch Gäste einfinden, die dem Gesagten keinen Glauben schenken: Methadon in der Krebstherapie ist umstritten. Friesen sieht sich auch Anfeindungen ausgesetzt.

Organisiert hat den Vortrag Julia Strasser. Ihr Vater sei an Blasenkrebs erkrankt, erzählt die Sissacherin der bz. «Ich stiess auf Berichte, wonach Patienten bei der Chemotherapie gut auf Methadon ansprachen. Wir haben das dann auch angewandt. Mein Vater ist mittlerweile wieder gesund.» Auf die Idee mit dem Vortrag sei sie gekommen, «damit auch andere sich aus erster Hand informieren können».

Krebsliga bleibt skeptisch

Friesen weht auch in der Schweiz teilweise ein eisiger Wind entgegen. Der «Beobachter» berichtete im Juni 2018 von einem Patienten, der mit Vergiftungserscheinungen im Kantonsspital Graubünden aufgetaucht war. Offenbar hatte er zu hohe Dosen an Methadon eingenommen, das ihm vom Hausarzt verschrieben worden war. Nach Absetzen des Drogenersatzstoffs ging es dem Mann wieder besser.

Roger von Moos, Chefonkologe am Graubündner Kantonsspital, wird im «Beobachter» zitiert, solche Fälle seien die Folge davon, dass im Fernsehen ein angebliches Wundermittel gegen Krebs angepriesen würde, «als befänden wir uns im tiefsten Mittelalter».

Thomas Cerny, Präsident der Krebsforschung Schweiz, sagte zum Schweizer Onlinemagazin «Planet Gesundheit», zu Methadon fehlten saubere klinische Daten. Die Krebsliga Schweiz publizierte eine Einschätzung zu Methadon bei Krebstherapien. Die Stiftung zweifelt ebenfalls an der Wirksamkeit der Substanz und warnt vor «unrealistischen Hoffnungen».

Friesen verweist auf Anfrage der bz auf über 350 gesammelte Krankendossiers, bei denen sich der Zustand der Patienten zumindest verbessert habe. Zudem sei Methadon 2017 von der Weltgesundheitsorganisation WHO in die Liste der essenziellen Schmerzmittel für Krebspatienten aufgenommen worden.

Wer den Vortrag besuchen will, muss sich anmelden. Die 120 Plätze dürften rasch weg sein. Julia Strasser erwägt, einen zweiten Termin anzusetzen. Damit niemand vor verschlossenen Türen steht.

   

Vortrag Claudia Friesen: «Methadon – ein Wirkverstärker in der Krebstherapie». Mittwoch, 5. Juni. Jakobshof, Kirchgasse 10, Sissach. 19.30 Uhr. Eintritt kostenlos, Anmeldung obligatorisch (julia.strasser@bluewin.ch).