Das Kantonsgerichtsgebäude in Liestal platzt aus allen Nähten. Schon 2002 wurde an der Nordfassade ein Provisorium angehängt, spätestens 2026 muss es wieder rückgebaut sein. Die Zeit drängt. Der Kanton will jetzt vorwärts machen mit dem Umbau und der Erweiterung des Gebäudes am Liestaler Bahnhofplatz. Seit gestern ist der Projektwettbewerb lanciert. Bis zum 7. November haben interessierte Architekturbüros Zeit, ihre Pläne und Modelle bei der Baselbieter Baudirektion einzureichen. Der Bezug der neuen Räumlichkeiten ist für 2024 vorgesehen.

Die Anforderungen sind hoch. Der Bau ist kommunal geschützt und das Inventar Schützenswerter Ortsbilder der Schweiz führt ihn als A-Objekt. Deshalb darf das Gebäude weder aufgestockt, noch angebaut werden – das bekräftige ein bereits erstelltes bauhistorisches Gutachten.

Es gibt jedoch eine Lösung, wie das Kantonsgericht trotzdem am selben Ort bleiben kann: Die Erweiterung wird auf der Nordseite des Gebäudes realisiert. Dort befindet sich derzeit ein Parkplatz.

Ehrenhof kommt zurück

Die auffälligste Veränderung ist jedoch für die Südfassade vorgesehen. Der Kanton will, dass der Hauptbau zum Bahnhof hin sein altes Aussehen zurückerhält. Die Fassade besass ursprünglich einen Ehrenhof. In der Mitte sprang die dreiteilige Fassade zurück. Bei der Erweiterung 1970 – schon damals war es den Richtern zu eng geworden – wurde der Ehrenhof aufgefüllt, dieser Mittelrisalit soll wieder verschwinden. Zudem wurden beim jüngsten Umbau die Streifenrustika, also die «Rippen» am Erdgeschoss, entfernt. Im Innern, heisst es in den Wettbewerbsunterlagen, «wich die vormals opulentere Gestaltung dem nüchternen Zeitgeist». Ob die genannten Elemente alle wiederhergestellt werden können, geht aus der Dokumentation nicht hervor.

Gebaut wurde das Gebäude am Bahnhofplatz 16 im Jahr 1854, ursprünglich diente es als Schulhaus. 1919 übernahm der Kanton den Bau für Gerichte. 2005 zog die Kantonsbibliothek aus, kurze Zeit darauf auch das Bezirks- und das Strafgericht.

Das Kantonsgericht bleibt Liestal treu - trotzdem wartet auf die Angestellten sowie die Richterinnen und Richter eine gröbere «Züglete». Die Umbau- und Erweiterungsarbeiten sind für die Jahre 2022 bis 2024 vorgesehen. «Während der Realisierung des Bauvorhabens wird der komplette Gerichtsbetrieb an einen anderen Standort ausgelagert», steht in den Unterlagen. Ersatzstandort ist das Lehrerseminar in Liestal, wie eine Nachfrage bei der Baudirektion ergibt. Die Anlage an der Kasernenstrasse steht seit dem Wegzug der Pädagogischen Hochschule nach Muttenz frei. Bis 2021 will Liestal eine Schule temporär im ehemaligen Lehrerseminar unterbringen.

Die Teilnehmer des Architekturwettbewerbs müssen Fantasie beweisen. Der für die Erweiterung vorgesehene Raum hinter dem heutigen Bau ist begrenzt und teilweise abschüssig. Der Kanton erwartet beim Neubau zudem eine «herausragende Architektur», die sich «mit Selbstverständlichkeit repräsentiert». Das Gebäude solle als freistehendes Objekt «allseitig eine entsprechende Wirkung entfalten können» und in Dialog treten mit der Nachbarschaft, etwa mit dem «Palazzo» am Bahnhof und mit dem Regierungsgebäude.

Auch der Gerichtsbetrieb an sich stellt hohe Ansprüche. Die Gerichtssäle benötigen jeweils drei voneinander getrennte Zugänge: Einen für die Parteien und das Publikum, einen für die Richterinnen und Richter sowie die Mitarbeitenden sowie einen dritten für Zeugen und Opfer, oftmals werden sie von der Polizei geschützt.