KMU

Umstrittene Umstände: Wirtschaftskammer entlässt in der Krise mehrere Angestellte

Christoph Buser vor seinem Reich: dem Haus der Wirtschaft am Liestaler Altmarkt.

Christoph Buser vor seinem Reich: dem Haus der Wirtschaft am Liestaler Altmarkt.

Im Haus der Wirtschaft rumort es. Recherchen der bz zeigen, dass die Wika mitten während der Coronakrise sechs Mitarbeitenden gekündigt hat. Die Wika bestätigt fünf Fälle und macht wirtschaftliche Gründe geltend. Laut mehreren Betroffenen ist der Grund ein anderer: Sie hielten die Corona-Schutzmassnahmen für mangelhaft.

Es sind kraftvolle Worte, mit denen sich Christoph Buser angesichts der Coronakrise Anfang April an die Öffentlichkeit wendet: «Wir liefern wie noch nie zuvor», hält der Direktor der Wirtschaftskammer Baselland (Wika) im Interview des verbandseigenen Publikationsorgans fest. Dies geschehe unter Hochdruck und «mit enorm hohem Engagement aller unser Mitarbeitenden». Mit der Initiative «s Baselbiet schaffts» positioniert sich die Wika als grosser Retter in der Not, gibt Tipps, wie ein Unternehmen die Krise übersteht, wie Kurzarbeit beantragt werden kann, ruft zu Spenden auf und sagt, welche Schutzmassnahmen am Arbeitsplatz umgesetzt werden müssten.

Weniger Aufwand scheint der Wirtschaftsverband für seine Angestellten zu betreiben. Recherchen der bz zeigen, dass die Wika in den vergangenen Monaten sechs Kündigungen ausgesprochen hat, einige davon mitten im Lockdown – obschon der Verband Kurzarbeit angemeldet hat. Damit konfrontiert, bestätigt der stellvertretende Direktor Michael Köhn schriftlich fünf der Kündigungen: «Es ist in unserem Haus aus wirtschaftlichen Gründen zu Entlassungen gekommen, was wir ausserordentlich bedauern. Auch an der Wika geht die Pandemie-Krise nicht spurlos vorbei.»

Kündigungen auch in krisenresistenten Bereichen

Die Wirtschaftskammer begründet die Entlassungen mit coronabedingten Einbussen. Die bz konnte mit mehreren Betroffenen und weiteren Insidern sprechen. Sie zeichnen ein anderes Bild als die Geschäftsleitung. So seien einige Kündigungen bereits im März und April ausgesprochen worden, in der frühen Phase der Coronakrise inmitten des Lockdowns, als noch kaum ein Unternehmen die dauerhaften wirtschaftlichen Schäden abschätzen konnte.

Köhn schreibt: «Wie bei anderen Betrieben verursachte der pandemiebedingte Auftragsrückgang auch bei der Wirtschaftskammer Überkapazitäten. Die in einigen Bereichen angeordnete Kurzarbeit konnte diese Situation nur teilweise auffangen, sodass wir leider in den letzten sechs Monaten auch Kündigungen aussprechen mussten.»

Grundsätzlich stellt sich die Frage, in welchen Bereichen der Verband – trotz Kurzarbeitsentschädigungen – so grosse Verluste hinnehmen musste, dass diese zu einem dauerhaften Stellenabbau führten. Schliesslich sind Kündigungen unter Kurzarbeit arbeitsrechtlich verboten, wenn sie wegen eines nur vorübergehenden Arbeitsausfalls geschehen.

Die sechs der bz bekannten Fälle betreffen teils Abteilungen oder der Wika angehängte Gesellschaften, die wegen der Coronakrise kaum einen markanten Arbeitseinbruch erlitten haben dürften; so die Familienausgleichskasse Gefak, der KMU Lehrbetriebsverbund oder die Buchhaltung. Köhn verweist darauf, dass drei der Kündigungen den Bereich KMU-Förderung betroffen haben: «Dieser Bereich, der vor allem PR und die Organisation von Events umfasst, war vom Lockdown besonders betroffen, und der Auftragseinbruch war erheblich», so der stellvertretende Direktor weiter. Allerdings soll die Wika, das berichten mehrere Quellen, über die vergangenen Monate wieder neue Stellen ausgeschrieben haben.

Wika gibt Konflikte bei zwei Entlassungen zu

«Der wahre Grund unserer Kündigungen war sicher kein wirtschaftlicher», sagt der Direktbetroffene Hans Müller*. Für ihn steht fest: «Gekündigt wurde Mitarbeitenden, die sich über die mangelhaften Corona-Schutzmassnahmen im Haus der Wirtschaft beschwert hatten.» Diese Aussage bestätigen mehrere Quellen, darunter der ebenfalls entlassene Joseph Baumann*. Und sie deckt sich mit drei kritischen Einträgen von Mai und Juni, die auf dem Arbeitgeber-Bewertungsportal Kununu.com aufgeschaltet sind.

Hat also tatsächlich die Wirtschaftskammer, die über «s Baselbiet schaffts» andere Unternehmen informiert, wie sie die Schutzempfehlungen des Bundesamts für Gesundheit am Arbeitsplatz umsetzen sollen, diese im eigenen Haus am Liestaler Altmarkt nur lasch umgesetzt? Müller bringt zwei Hauptkritikpunkte vor: die beengenden Platzverhältnisse in den Grossraumbüros sowie das nur widerwillige Zugestehen von Homeoffice durch die Wika-Geschäftsleitung. «Christoph Buser selbst teilte im März jeder Abteilung mit, dass es kein Homeoffice gibt», so Müller. Busers Begründung damals: Solidarität der Wika zu jenen KMU, für die Arbeit von Zuhause aus nicht möglich ist. Selbst Personen, die zu einer Corona-Risikogruppe gehörten, hätten erst nach hartem Ringen ins Homeoffice wechseln können. Nach längerer Zeit sei Heimarbeit ermöglicht worden, oft seien die betreffenden Personen aber in Kurzarbeit geschickt worden. Und wie mehrere Quellen bestätigen, trafen die Kündigungen Personen, die Homeoffice durchgesetzt hatten. Mit den bundesrätlichen Corona-Lockerungen vom 8. Juni seien dann fast alle zurück ins Büro beordert worden, sogar Risikogruppen. Ein eigens von Mitarbeitern entwickeltes Schutzkonzept lehnte die Geschäftsleitung offenbar ab.

Wie die Recherchen zeigen, trafen die Kündigungen auch langjährige Mitarbeiter, darunter eine Kaderkraft. Sie alle hatten sich über die mangelhaften Schutzmassnahmen beschwert. «Nur der offizielle Kündigungsgrund hiess Coronakrise», sagt Baumann. Die Wirtschaftskammer widerspricht vehement: «Wir möchten mit aller Deutlichkeit festhalten, dass in keinem Fall ein Motiv der Trennung das Verhalten von Mitarbeitenden während der Pandemie war, wie nun leider unterstellt wird», schreibt Köhn. Auf Nachfrage hält er aber fest: «Ein Mitarbeiter wurde wegen eines massiven Fehlverhaltens entlassen, das gerade bei diesen schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht mehr hingenommen werden konnte.» Wie die bz weiss, hatte sich dieser lautstark über mangelnde Schutzmassnahmen enerviert.
Auch bei einer zweiten Entlassung besteht ein Zusammenhang, wie Köhn einräumt: «Lediglich im fünften Fall hatte der Aspekt des Homeoffice einen gewissen Einfluss auf die Vertragsauflösung, weil die betreffende Person verlangt hatte, auch in Zukunft zu 100 Prozent nur noch im Homeoffice zu arbeiten, ohne dass dies medizinisch oder sonstwie geboten gewesen wäre.»

Buser zählt auf, wie die Wika ihre Mitarbeiter schützt

Im Laufe der Recherche meldet sich Christoph Buser per Mail: «Die These, wir würden diese Pandemie nicht ernst genug nehmen oder uns sogar bewusst über Vorschriften und Empfehlungen hinwegsetzen, ist falsch und rufschädigend.» Die Wika habe sich konsequent an die Covid-19-Verordnungen und auch an sämtliche darüber hinaus gehenden Empfehlungen des BAG und anderer Behörden gehalten. Als Beleg legt Buser eine Liste der Schutzmassnahmen vor, die «keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt».

Demnach sei den Mitarbeitenden bereits ab dem 9. März Homeoffice angeboten worden, falls sie zur Risikogruppe gehören, Betreuungspflichten haben, im öffentlichen Verkehr pendeln oder unter generellen Angstzuständen leiden. Laut Buser habe rund ein Viertel der Belegschaft in der kritischen Phase im Homeoffice gearbeitet. Auch die Abstandsregeln seien ab Beginn des Lockdowns in den Büros eingehalten, die Personenzahl in Cafeteria und Sitzungszimmern beschränkt und das Haus der Wirtschaft für Dritte geschlossen worden. Den Mitarbeitenden seien Handschuhe und Masken bereitgestellt worden. Während die Zugangsbeschränkung oder auch gewisse Hygienemassnahmen von den Gekündigten und Insidern nicht in Abrede gestellt werden, steht beim Homeoffice und der Abstandsregel in den Büros Aussage gegen Aussage. Ebenso bei den Kündigungsgründen.

*Namen von der Redaktion geändert.

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