Reinach

Unternehmer Klaus Endress kritisiert Kurzarbeit-Firmen: «Ein Jahr sollte man durchhalten können»

Hat Urgrossmutters Rat verinnerlicht: Klaus Endress (71). (Reinach, 9. September 2019)

Hat Urgrossmutters Rat verinnerlicht: Klaus Endress (71). (Reinach, 9. September 2019)

Viele Unternehmen hätten in der Coronakrise vorschnell Kurzarbeit angemeldet, kritisiert der Reinacher Unternehmer Klaus Endress. Im Gespräch mit der bz spricht er über die Hintergründe und wie seine Firma Kurzarbeit vermeiden konnte.

Klaus Endress erscheint auf dem Bildschirm, der Verwaltungsratspräsident von Endress+ Hauser (E+H) lächelt in die Kamera. Mediensprecher Martin Raab huscht nochmals durchs Bild, stellt den Ton ein. Raab trägt eine Maske. Das tue er normalerweise auch, sagt Endress, wie alle Mitarbeitenden, wenn sie den Mindestabstand zu anderen Personen nicht einhalten könnten. Aber für das Online-Interview mit der bz gehe es auch rasch ohne – er sitze ja alleine vor der Kamera.

Klaus Endress, Sie sagten bei der Bilanzmedienkonferenz 2019 von Endress+Hauser am Dienstag, 12.Mai, Sie würden Kurzarbeit erst als letzte Massnahme ins Auge fassen. Ist das eine Kritik an andere Unternehmen, die gleich nach Verkündung des Lockdowns Kurzarbeit angemeldet haben?

Klaus Endress: Da kann ich nur für uns sprechen. Es ist nur anständig, wenn ein Unternehmen schaut, dem Staat nicht zur Last zu fallen – im Gegenteil, man sollte etwas beitragen zur Allgemeinheit. Das tun wir über die Beschäftigung. Diese generiert Einkommen, die Angestellten bezahlen Steuern, wir ebenso. So tragen wir zum Wohlstand einer Region bei. Das ist unsere Philosophie.

Wie konnten Sie die Kurzarbeit verhindern?

Kurzarbeit ist dafür gedacht, eine gewisse Zeit zu überbrücken, in der man keine Arbeit hat. Man muss also das mit der Auslastung der Mitarbeitenden in den Griff kriegen: Gleitzeitkonten nutzen, Feriensaldi und Überstunden abbauen und so weiter. Dann sollten liquide Mittel vorhanden sein, um die Durststrecke zu überwinden. Wenn all diese Massnahmen erschöpft sind, sollte man zum letzten Mittel greifen, um die Mitarbeitenden zu halten: Kurzarbeit. Je nachdem, in welchem Land man ist, welches System man dort hat, ist das nicht immer einfach. Bei uns in der Schweiz geht das. Trotzdem bin ich der Meinung: Bei einer Krise muss ein Unternehmen erst einmal schauen, wie es sich selber helfen kann.

E+H ist in einer komfortablen Situation. Der Betrieb wurde nicht geschlossen, zumindest nicht in der Schweiz.

Es gab Länder, in denen während der strengsten Phase des Lockdowns die Produktion eingestellt werden musste. Aber es stimmt, wir sind in einer guten Situation. Wir produzieren nicht direkt für die Konsumenten, sondern unsere Kunden kommen aus der Industrie.

An der Medienkonferenz hiess es, E+H könne auf bis zu 800 Millionen Euro an liquiden Mitteln zurückgreifen. Wie lange reicht das?

Das entspricht in etwa unserer Gesamtlohnsumme für ein Jahr. Einem soliden Unternehmen sollte es idealerweise möglich sein, eine Durststrecke bis zu einem Jahr durchzuhalten – zumindest, wenn es schon einige Zeit im Geschäft ist. Bei jungen Firmen wie Start-ups ist die Ausgangslage natürlich eine andere.

Müsste der Staat höhere Eigenkapitalquoten festlegen, wie das nach der Finanzkrise 2008 bei den Banken der Fall war?

Urgrossmutters Rat gilt noch immer: Spare in der Zeit, so hast Du in der Not. Wir haben eine Eigenkapitalquote von über 70Prozent. Das ist nur möglich, wenn man die Ergebnisse nicht aus dem Unternehmen abholt, sondern dort belässt. Man muss also das Shareholder-Value-Denken zurückbinden. Die Aktionäre sollen einen anständigen Anteil haben, aber eben nicht alles. Es sollte vom Gesetzgeber her möglich sein zu sagen: Liebe Aktionäre, Ihr dürft 50 Prozent des Gewinns abholen – aber nicht mehr. Bei uns ist der Anteil wesentlich kleiner.

Sie kennen die Situation in Deutschland, Frankreich und in der Schweiz bestens, einige Familienmitglieder wohnen auch in Grossbritannien. Welches dieser vier Länder hat die Coronakrise bislang gut gemeistert?

In Grossbritannien ist man nicht gut damit umgegangen. Man hat sehr spät reagiert. Ansonsten: Ich möchte meinen, in der Schweiz hat man es gut gemacht, in Deutschland sehr gut. In Frankreich gab es schlechte Voraussetzungen. Gerade das Elsass war ein Infektions-Hotspot. Aber das Land hat die Situation gut gemanagt.

Sie sprechen sich gegen eine rasche Öffnung der Grenzen aus. Weshalb?

Neulich war ich einkaufen. Es hatte zwar Desinfektionsmittelspender, Abstandslinien am Boden, eine Plexiglasscheibe vor der Kasse. Doch die Leute kamen sich so nah wie immer. Viele haben schon vergessen, was auf dem Spiel steht. Ich war der einzige, der eine Maske trug. Für mich ist das ein Muss und absolut zumutbar, und ich bedauere, dass es in der Schweiz – im Gegensatz zu Deutschland – keine Maskentragpflicht in Geschäften gibt. Wenn der Einkaufstourismus wieder losgeht, dann freut das den deutschen Einzelhandel. Doch diese Menschenmengen sind nicht gut. Es reicht ein Infizierter, der andere ansteckt. Wenn das passiert, wird man die schnellen Lockerungen bereuen.

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