Herr Hintermann, die Baselbieter Staatsanwaltschaft hat das Verfahren gegen die ehemalige Mitarbeiterin des Asylheims Reinach eingestellt. Die Gemeinde schreibt nun, sie sehe sich «bestätigt». Ist ein Verhältnis zwischen einer Betreuerin und einem Minderjährigen unproblematisch?

Urs Hintermann: Überhaupt nicht. Und die Vorgesetzten haben ja auch im letzten Sommer sofort mit arbeitsdisziplinarischen Massnahmen reagiert, als sie festgestellt hatten, dass die Betreuerin ein zu nahes Verhältnis zu diesem mutmasslich minderjährigen Asylsuchenden hatte. Wir sind aber erleichtert darüber, dass das Strafverfahren eingestellt worden ist und dass es zu keiner strafbaren Tat gekommen ist. In diesem Punkt hat die Staatsanwaltschaft die Haltung der Vorgesetzten bestätigt.

Die Gemeinde hat die Betreuerin noch lange Zeit in Schutz genommen.

Als die Anschuldigungen aufkamen, haben die Vorgesetzten die Hinweise überprüft. Für die strafrechtlichen Belange war die Staatsanwaltschaft zuständig. Nun ist klar: Die Betreuerin hatte ihren Vorgesetzten gegenüber nicht die ganze Wahrheit gesagt. Sie hat zwar zugegeben, dass sie per Facebook und Whatsapp mit dem Asylsuchenden in Kontakt gestanden hatte, nicht jedoch die intime Beziehung. Sie hat sich beim Gemeinderat und bei ihren Vorgesetzten entschuldigt, das Vorgefallene tut ihr sehr leid. Sie erklärte sich ebenfalls bereit dazu, uns die Einstellungsverfügung zur Verfügung zu stellen – auch, um weiteren Gerüchten vorzubeugen.

Gegen welche Regeln hat die Betreuerin verstossen?

Es geht nicht, dass eine Asylbetreuerin eine persönliche, enge Beziehung mit Bewohnern führt, das ist nicht professionell. Als wir gesehen haben, dass diese Regel verletzt worden ist, haben wir eine Verwarnung ausgesprochen und verlangt, dass sie die professionelle Distanz wahrt. Als sie diese Regel brach, mussten wir sie freistellen. Die Mitarbeiterin hatte allerdings bereits vorher selbst die Konsequenzen gezogen und gekündigt.

Hätte die Gemeinde rascher reagieren sollen?

Nein. Als die Beschuldigungen aufkamen, sind die Vorgesetzten der betroffenen Mitarbeiterin den Hinweisen sofort nachgegangen. Und sie haben sofort arbeitsdisziplinarische Massnahmen gesetzt. Sie müssen sich auch bewusst sein, dass zu diesem Zeitpunkt seit langem über all dem ein Arbeitskonflikt schwelte, der von den Vorgesetzten schon lange bearbeitet wurde.

Welche Rolle spielte der Leiter des Asylheims? Offenbar wurden die Hinweise der Mitarbeiterin, die wegen der Beziehung ihrer Kollegin als erste intervenierte, nicht genügend ernst genommen.

Nein. Der Leiter des Asylheims hat es sich nicht leicht gemacht. Und er hat auch nicht alleine gehandelt. Wenn so schwerwiegende Vorwürfe im Raum stehen, bleibt das nicht beim direkten Vorgesetzten. Er hat mit seinem Vorgesetzten Kontakt aufgenommen, dieser wiederum mit seinem Vorgesetzten, dem Leiter der Allgemeinen Verwaltung. Zusätzlich wurden Gemeinderätin Bianca Maag, Leiterin des Bereichs Soziales, und ich informiert. Ich bin als Gemeindepräsident zuständig, sobald es zu Arbeitskonflikten kommt.

Trotzdem: Man hat der beschuldigten Mitarbeiterin mehr Glauben geschenkt als derjenigen, die den Hinweis gab.

Die Vorgesetzten haben nach bestem Wissen und Gewissen die Vorwürfe geprüft. Sie hatten festgestellt, dass die professionelle Distanz nicht gewahrt war, und sie hatten sofort gehandelt. Bezüglich der intimen Beziehung waren die Vorwürfe für sie nicht plausibel und schon gar nicht zu bewiesen. Dabei muss man auch beachten, dass derartige Anschuldigungen im Sozialbereich praktisch wöchentlich vorkommen.

Man stelle sich vor, wenn der Vorgesetzte da jedes Mal ungeprüft voll dreinfahren würde – das geht nicht. Der Arbeitgeber muss die Mitarbeitenden auch schützen vor unberechtigten Vorwürfen. Trotzdem sage ich ganz klar: Wenn Mitarbeitende etwas sehen, was sie für nicht in Ordnung halten, dann sollten sie dies ihren Vorgesetzten melden. Sie können auch direkt an mich gelangen. Der dritte Weg ist eine Firma, mit der wir zusammenarbeiten, an die sich Angestellte anonym wenden können.

Es gab weitere Vorwürfe gegen das Asylheim: Die «Basler Zeitung» berichtete von Nachtwachen, die Drogen konsumieren oder Beziehungen mit Bewohnerinnen unterhalten.

Diese Vorwürfe werden gegenwärtig noch von der Staatsanwaltschaft geprüft. Die Nachtwachen gehören zu einem Integrationsprogramms der Gemeinde. Ziel ist, Arbeitssuchende wieder an den Arbeitsmarkt heranzuführen. Die Vorgesetzten im Asylheim haben die Leiter des IP-Programms informiert. Zusammen hat man die Vorwürfe untersucht und, wo notwendig, Massnahmen getroffen.

Welche Konsequenzen hat der Fall für die Gemeinde?

Der Gemeinderat hat kürzlich beschlossen, dass wir die Vorkommnisse zusammen mit einer externen Firma untersuchen lassen wollen. Wir müssen uns kritisch fragen, ob zum Beispiel unser Konfliktmanagement funktioniert. Und wir waren auch von der Wucht der Medienkampagne mit unserer Krisenkommunikation überfordert. Da müssen wir über die Bücher.