«Immer heisst es, wir Jugendlichen seien für die Zukunft so wichtig. Dabei haben in der Politik vor allem Ältere das Sagen und wir haben keine Ahnung. Wie sollen wir da etwas bewegen können?» Diesem Ausruf einer Schülerin folgt in der Aula des Gymnasiums Münchenstein spontan heftiger Applaus.

Auf der Bühne sitzen, von Konrektor Reinhard Straumann zur Podiumsdiskussion angeleitet, Historiker Professor Georg Kreis, die Baselbieter CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter und als besonderer Gast die österreichische Botschafterin und ehemalige Aussenministerin Dr. Ursula Plassnik. Man diskutiert verschiedene Aspekte der Europapolitik und das Verhältnis der Schweiz zu Europa.

Ratlose Jugend

«Es ist wichtig, dass Botschafter jungen Menschen zur Verfügung stehen und ihnen eine andere Sichtweise aufzeigen können, seien es die einzelnen Länder oder eine gesamteuropäische Perspektive», kommentiert Ursula Plassnik ihren Besuch am Gymnasium Münchenstein. «Auf Initiative der Europäischen Kommission hin besuchen Botschafter immer wieder Schulen und bringen so Jugendlichen die europäische Politik näher.»

Die Notwendigkeit solcher Veranstaltungen spricht deutlich aus der eingangs zitierten Wortmeldung und der Reaktion der Mitschüler. «Sie haben im Gegensatz zu uns grosse gesellschaftliche Entwicklungen miterlebt und geprägt. Wir sind jetzt einfach damit konfrontiert und sollen plötzlich damit umgehen können», führt die Schülerin die Problematik aus. Ratlosigkeit und Angst vor Verantwortung werden als Generationenproblem angesprochen.

«Diese Gefühle sind ganz normaler Teil des Erwachsenwerdens. So sind Menschen», sagt Plassnik dazu. «Es ist aber eben wichtig, sich immer wieder diese Fragen zu stellen: Wofür will ich mich einsetzen? Welche Verantwortung kann ich übernehmen?» Sie selber setze sich täglich mit solchen Fragen auseinander. «Das wird mit dem Älterwerden auch nicht aufhören und das ist gut so.»

Elisabeth Schneider-Schneiter reagiert auf die Frage der Schülerin mit ermunternden Worten: «Gehen Sie auf die Strasse, engagieren Sie sich für das, was Ihnen wichtig ist.» Sie begrüsse diese Wortmeldung, da sie mit Bedauern beobachte, dass sich besonders junge Frauen immer weniger an Wahlen und Abstimmungen beteiligen und wenig Interesse an Politik zeigen. «Dabei bietet unsere direkte Demokratie so viele Möglichkeiten, sich aktiv einzubringen.»

Lernen statt verurteilen

Über das Schweizer Politsystem diskutieren die Podiumsteilnehmer angeregt. Während Schneider-Schneiter und Georg Kreis die direkte Demokratie loben, bringt Plassnik eine vorsichtige Sichtweise ein. «Das Schweizer System sollte nicht zur Religion mit missionarisch anmutender Vorbildfunktion erhoben werden», stellt Plassnik klar. «Andere demokratische Systeme haben sehr wohl ihre Daseinsberechtigung.»

An ihre Schweizer Gesprächspartner appellierte sie, in Diskussionen Offenheit an den Tag zu legen und nicht auf andere Länder und ihre politischen Systeme gleichsam herabzublicken. «Wir sollten voneinander lernen, statt übereinander zu richten», hält sie fest. Nur so könne man Gemeinsamkeiten finden, die Menschen und Nationen miteinander verbinden.

Die Schüler zeigen sich eher EU-skeptisch. «Die EU hat in der Flüchtlingspolitik völlig versagt» und «Die EU ist nicht demokratisch» rufen sie vorwurfsvoll. Ursula Plassnik warnt vor solchen Vereinfachungen. «Es ist gefährlich, sich plakativen Schlagworten hinzugeben. So arbeiten Populisten. Sie erschaffen die Illusion, dass es für komplexe Probleme ganz einfache Lösungen gibt.» Gute Lösungen bräuchten aber oft Zeit. Die EU vereine verschiedenste Identitäten, die alle berücksichtigt werden müssen. Darin liege auch ihre Chance.

Abschliessend rät Plassnik den Schülern: «Gerade jetzt erleben wir, wie eine junge Generation von Politikern in Entscheidungspositionen kommt, siehe Sebastian Kurz in Österreich und Emmanuel Macron in Frankreich. Nutzen Sie die vielfältigen Möglichkeiten Ihrer Generation. Studieren Sie, machen Sie sich selbst ein Bild und lassen Sie sich nicht ins Bockshorn jagen. Übernehmen Sie Verantwortung.»