Vorwürfe

Urteil im Kickboxer-Prozess: Opfer-Anwalt spricht von «Debakel»

Für Jascha Schneider, Vertreter von Shemsi Beqiri, hat die Staatsanwaltschaft schlecht gearbeitet – die dementiert.

Die mündliche Urteilsverkündung war noch in vollem Gange, da machte Jascha Schneider bereits seinen Ärger kund – live, per Twitter. Im Kurznachrichtendienst schrieb der Anwalt am Donnerstag Vormittag von einem «Debakel für die Staatsanwaltschaft». Für den Verteidiger des Überfall-Opfers Shemsi Beqiri ist klar: Das Gericht hat zu tiefe Strafen ausgesprochen – auch, weil die ermittelnden Staatsanwälte keine gute Arbeit geleistet haben.

Haupttäter Paulo Balicha erhielt eine teilbedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten. Ob der ehemalige Thaibox-Weltmeister auch tatsächlich hinter Gitter muss, steht noch nicht fest. Für alle anderen Angeklagten gab es bedingte Freiheitsstrafen und Geldstrafen, in mehreren Fällen auch nur Geldstrafen. Sechs Angeklagte kommen mit einem Freispruch davon.

Jascha Schneider sagte kurz nach der Urteilsverkündung in Muttenz zur bz, die Urteile seien ein falsches Signal: «Für mich sind die verhängten Strafen viel zu tief. Sie widerspiegeln nicht die kriminelle Energie, die bei diesem Überfall zum Vorschein kam.»

Der Anwalt sparte nicht mit Kritik an der Baselbieter Staatsanwalt. Das Gericht habe im Wesentlichen erklärt, was auf dem Video zu sehen sei, das den erzwungenen Zweikampf zwischen Shemsi Beqiri und Paulo Balisha dokumentiert. «Da frage ich mich: Was hat die Staatsanwaltschaft in den letzten viereinhalb Jahren eigentlich gemacht?» Die Staatsanwaltschaft nimmt auf Anfrage Stellung zu den Vorwürfen. Die Tatsache, dass das Strafgericht zu Schuldsprüchen kam, belege ihre erfolgreiche Arbeit. Sie habe die notwendigen Beweise erbringen können. «Während auf dem Video – mit einer Ausnahme – ausschliesslich vermummte Personen zu sehen waren, wurden heute identifizierte Personen verurteilt. Dies war ausschliesslich aufgrund der akribischen Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft möglich.»

Berufung angekündigt

Zu den verhängten Strafen lässt die Staatsanwaltschaft verlauten, das Strafgericht sei bei der Strafzumessung nicht an ihre Anträge gebunden. «Wäre das Gericht der Meinung gewesen, dass das beantragte Strafmass zu tief bemessen war, so hätte es eine höhere Strafe aussprechen können.» Das Risiko der Freisprüche wiederum habe man eingehen müssen. Schon bei der Anklageerhebung sei klar gewesen, dass die Beweislage gegen einzelne Beschuldigte dünn war. Doch selbst in Fällen mit unsicherer Beweislage müsse Anklage erhoben werden – so habe es das Bundesgericht mehrfach bekräftigt.

Jascha Schneider wollte sich am Donnerstag nicht darauf festlegen, ob er den Fall weiterzieht. Entschieden hat sich der Verteidiger des Hauptbeschuldigten Paulo Balisha: Nicolas Roulet sagte am Donnerstag zur bz, er werde Berufung einlegen. Das Couvert sei bereits abgeschickt. Über einen möglichen Weiterzug werde er erst entscheiden, wenn das schriftliche Urteil vorliege. Über das Urteil gegen seinen Mandanten sagte Roluet lediglich: «no comment».

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