Gerichtsfall

Verfahren gegen Erpresser nach neun Jahren abgeschlossen

Das Strafgericht im Muttenzer Strafjustizzentrum.

Das Strafgericht im Muttenzer Strafjustizzentrum.

Ein gerissener Betrüger und gescheiterter Erpresser kommt noch einmal ohne Gefängnis davon: Im zweiten Versuch genehmigte das Strafgericht in Muttenz eine ausgehandelte teilbedingte Freiheitsstrafe

«Ich möchte arbeiten und eine Chance haben, meine Schulden zurück zu zahlen. Ich werde nie wieder rückfällig werden», beteuerte der Angeklagte vor dem Baselbieter Strafgericht vor ziemlich genau drei Jahren (die bz berichtete). Gestern sass er erneut Gerichtspräsident Andreas Schröder gegenüber, und offenbar hat der heute 45-Jährige Wort gehalten: Noch immer hat er eine Kaderstelle als Logistiker, verdient über 160'000 Franken im Jahr und hat horrende Schulden. Strafrechtlich ist aber seit inzwischen neun Jahren nichts mehr vorgefallen.

Was vor drei Jahren nicht ging, war gestern möglich: Das Dreiergericht genehmigte den mit der Staatsanwaltschaft ausgehandelten Deal von einer teilbedingten Freiheitsstrafe. 30 Monate beträgt das Strafmass, sechs davon unbedingt. Dieser unbedingte Teil wird allerdings aufgeschoben zugunsten einer ambulanten Therapie. Ins Gefängnis muss der Mann somit nicht. Hätte er die sechs Monate mit einer elektronischen Fussfessel absitzen müssen, hätte sein derzeitiger Arbeitgeber von der Geschichte erfahren, und das wollte der 45-jährige Mann unbedingt vermeiden.

Im Jahr 2013 hatte er eine bedingte Strafe von 24 Monaten ausgehandelt, das lehnte das Gericht damals als zu mild ab. Inzwischen sind zwei Gutachten eingeholt worden, die dem Mann eine leicht verminderte Schuldfähigkeit attestieren. Die Diagnose: Eine manisch-depressive Störung sowie eine Persönlichkeitsstörung. Das Gericht kam am Freitag zum Schluss, dass 30 Monate somit angemessen wären.

Im Mai 2007 versuchte der Mann, das Medizintechnikunternehmen Synthes zu erpressen: Es ging um vertrauliche Firmendokumente über künftige Produkte. So gab es etwa interne Studien über leichteres Material, das für den asiatischen Markt vorgesehen war -- er drohte damit, diese Pläne unter dem Motto «zweitklassige Produkte für Asiaten» öffentlich zu skandalisieren.

Synthes hätte die Dokumente für rund zwei Millionen Franken zurückkaufen können. Fast wie im Film sollte die Firma ihre Flaggen am Firmensitz in Selzach an einem bestimmten Tag entfernen, wenn sie auf das Angebot einsteigen wollen. Als Synthes nicht darauf einging, sandte er anonyme Mails mit Kaufangeboten an den Konkurrenten Stryker, doch auch dort blitzte er ab. Schliesslich konnte man ihn identifizieren, es folgte die Anklage wegen versuchter Erpressung.

Danach fand man heraus, dass er zuvor bei Johnson & Johnson fristlos entlassen worden war, weil er fast eine Million Franken an Firmengelder abgezweigt hatte. Einem Geschäftspartner luchste er 60'000 Franken in bar ab, die er angeblich für seine schwerkranke Schwiegermutter in Brasilien brauchte. Deshalb hat er Schulden von rund einer Million Franken. Zurückbezahlt hat er davon noch nicht viel. Er müsse Prioritäten setzen, meinte er dazu gestern vor Gericht.

Das Geld landete hauptsächlich bei Prostituierten. Er betonte im Prozess von 2013, er habe den Frauen beim Ausstieg helfen wollen. «Man könnte ja auch in eine Gassenküche arbeiten gehen und helfen, ohne den Arbeitgeber um fast eine Million zu erleichtern», meinte der Gerichtspräsident in der ersten Hauptverhandlung vor drei Jahren dazu.

«Sollte die Therapie nicht klappen, wird der Vollzug das an das Gericht melden. Dann müssen wir uns überlegen, ob die Strafe, die man jetzt aufschiebt, trotzdem vollzogen werden kann», warnte Andreas Schröder den Mann gestern. Die Probzeit läuft zwei Jahre, solange gilt auch die Weisung zur deliktorientierten ambulanten Therapie.

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