In Weil am Rhein entdeckte die deutsche Bundespolizei am Dienstagmorgen 16 Flüchtlinge in einem Güterzug, der von Norditalien über die Schweiz nach Deutschland unterwegs war. Es gibt Anzeichen dafür, dass die SBB von den blinden Passagieren und ihrem Reiseziel gewusst hatten – jedoch schaffte es die Information, dass da möglicherweise ein Güterzug mit menschlicher Fracht in Richtung Deutschland fährt, nie bis zur deutschen Bundespolizei. Sie ist für die Sicherung der Landesgrenzen und Grenzübertrittskontrollen zuständig. Es würde sich um ein Versäumnis handeln, das kein gutes Licht wirft auf die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Kampf gegen illegale Migration.

Bestätigt ist, dass die Baselbieter Polizei um 6.15 Uhr eine Meldung erhielt, im Güterbahnhof Muttenz würden sich nicht näher definierte Personen auf dem Geleisefeld aufhalten. Rasch war eine Patrouille vor Ort. Die Kantonspolizisten konnten jedoch niemanden mehr ausfindig machen. Die Polizei setzte die SBB über die Meldung in Kenntnis. Diesen Ablauf bestätigte Adrian Gaugler, Sprecher der Polizei Baselland, gestern auf Anfrage.

Wo blieb der heisse Tipp?

Laut der deutschen Bundespolizei sprach wohl einer dieser Passagiere im Güterbahnhof auch mit SBB-Personal. Bundespolizei-Sprecher Helmut Mutter sagt zur bz, eine Person habe einen SBB-Angestellten gefragt, ob man sich denn schon in Deutschland befände.

Die Bundespolizei sei jedoch von Schweizer Seite nicht sofort über diese Vorfälle informiert worden – weder von den SBB noch von der Grenzwache oder der Baselbieter Polizei. Kurze Zeit später, um 7 Uhr, fiel einem Kranführer im Umschlagbahnhof Weil am Rhein auf, dass bei Planencontainern die Dächer beschädigt waren.

Die blinden Passagiere hatten sich laut Angaben der Nachrichtenagentur SDA in einer Wechselpritsche und in zwei weiteren Planencontainern versteckt gehalten. Die alarmierte Bundespolizei entdeckte 14 Männer und 2 Frauen aus Nigeria und Guinea.

Die Bundespolizei wollte in Erfahrung bringen, wo der Güterzug mit der menschlichen Ladung Zwischenhalte eingelegt hatte. Im Zuge dieser Nachforschungen, sagt Sprecher Mutter, hätten die SBB die Auskunft erteilt, der Zug habe auch in Muttenz gehalten. Dort sei es zur Begegnung zwischen den illegal Reisenden und SBB-Personal gekommen. Die SBB hätten auch kurzfristig den Strom von Oberleitungen abgeschaltet. Alles weist darauf hin, dass es sich bei den «Spaziergängern» in Muttenz um die 16 Flüchtlinge handelte.

Die SBB schweigen sich zum Vorfall aus – mit der Begründung, für grenzpolizeiliche Aufgaben und illegale Grenzübertritte sei die Grenzwache zuständig. Auch eine Anfrage der bz zu den Vorkommnissen in Muttenz blieb gestern unbeantwortet. Die Grenzwache wiederum teilte mit, sie habe «keine Kenntnisse über den Verdacht von blinden Passagieren in jenem Güterzug» von Italien nach Deutschland gehabt.

Ursprungsbahnhof unbekannt

Die in Weil am Rhein Aufgegriffenen wurden angesichts der Kälte noch vor Ort medizinisch betreut. Mittlerweile befinden sich die jungen Afrikaner grösstenteils in der Landes-Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Karlsruhe. Gemäss Bundespolizei wurde eine Person zum Ausländeramt überstellt. Eine weitere Person stellte keinen Asylantrag und hat die Aufforderung erhalten, Deutschland wieder zu verlassen.

Die Geflüchteten sind zwischen 18 und Mitte zwanzig. Darüber, wo sie auf den Zug aufgestiegen waren, gibt es derzeit keine weiteren Angaben.

Von der Seite unverdächtig

Laut dem Bundespolizei-Sprecher sind Aufgriffe in Aufliegern auf Zügen die Ausnahme. Eher komme vor, sagte er am Dienstag zur SDA, dass illegale Zuwanderer auf Zügen der so genannten «Rollenden Landstrasse» einzeln angetroffen würden. Diese Züge transportieren ganze Lastwagen, auch Sattelschlepper samt Zugmaschinen, nicht nur Auflieger.

Die Aufgegriffenen gingen wohl so vor, dass sie das Dach von Blachen-Aufliegern aufschlitzten, um so in den Frachtraum zu gelangen. Seitlich waren die Auflieger also unbeschädigt. Das würde erklären, warum den alarmierten Kantonspolizisten auf ihrem Kontrollgang in Muttenz nichts Ungewöhnliches auffiel.

Erst der Kranführer im Weiler Umschlagbahnhof konnte wegen seiner erhöhten Sitzposition die beschädigten Auflieger-Blachen sehen.