Radioaktivität

«Verstrahlte» Wildschweine kommen in die Region – Behörden machen trotzdem keine Messungen

Wildschweine fressen gerne Pilze – und nehmen so auch Cäsium 137 auf.

Wildschweine fressen gerne Pilze – und nehmen so auch Cäsium 137 auf.

In Deutschland werden Wildschweine auf Radioaktivität gemessen. Denn sie essen gerne Hirschtrüffel, der mit Cäsium 137 belastet ist. In den beiden Basel bestehe dazu kein Anlass, heisst es von Seite der hiesigen Behörden.

Es war ein trauriger Jahrestag. Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl jährte sich am 26. April zum 32. Mal. Die giftige Wolke, die 1986 über Europa zog, hat sich längst verzogen. Doch die Spätfolgen sind noch immer spürbar. Auch bei uns.

So sind in Südwest-Deutschland Wildschweine weiterhin stark strahlenbelastet. Das teilte kürzlich der «Südwestdeutsche Rundfunk» mit. Bei fünf bis zwanzig Prozent der getesteten Tiere wurde der Grenzwert bei Cäsium 137 überschritten. Ihr Fleisch sollte nicht verzehrt werden, warnen Ärzte. Lagert sich das Radionuklid im Knochengewebe des Menschen ab, droht als Spätfolge Blutkrebs, also Leukämie.

Der Rhein ist keine Grenze

«Verstrahlte» Wildschweine finden auch den Weg in die Nordwestschweiz. Die Tiere sind wanderfreudig – und gute Schwimmer: Der Rhein stellt für sie kein grosses Hindernis dar. Zudem ist Cäsium 137 sehr langlebig. Es gilt als «der lange Schatten von Tschernobyl».

Wildschweine queren den Rhein

Wildschweine queren den Rhein

Baden-Württemberg hat reagiert. Dort wird Schwarzwild seit 2006 landesweit auf Cäsium 137 untersucht. Ganz anders in der Region Basel. Das Baselbieter Kantonslabor schreibt, es habe keine Radioaktivitätsmessungen bei Wildschweinen durchgeführt. Die letzten Messungen des Kantonslabors Basel-Stadt wiederum datieren aus dem Jahr 2010. Dabei galt Basel-Stadt einst als Pionier in diesem Bereich: Nach Tschernobyl war das Labor in Basel das erste in der Schweiz, das überhaupt in der Lage war, in Lebensmitteln und Erdproben radioaktive Substanzen nachzuweisen.

Der Basler Kantonschemiker Philipp Hübner schreibt, man messe regelmässig verschiedene Lebensmittel auf Radioaktivität. Beim letzten Test von Wildschweinfleisch seien elf Proben genommen werden, keine habe man beanstanden müssen.

Der süddeutsche Raum war von der Atomkatastrophe von Tschernobyl besonders betroffen. In Oberschwaben, teilweise aber auch im Hochschwarzwald wird bis heute stark erhöhte Radioaktivität gemessen. Das hatte mit Niederschlägen nach dem 26. April 1986 zu tun. Die stark kontaminierten Gebiete hatten einfach das Pech, dass es bei ihnen gerade regnete, als die radioaktive Wolke über sie hinweg zog.

Tschernobyl: Wie verstrahlt sind bayerische Wildschweine? - Faszination Wissen

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Wildschwein-Fleisch gilt als eins der am stärksten verstrahlten Lebensmittel. Wie verstrahlt ist es in Bayern, einer Region, die besonders viel Radioaktivität von Tschernobyl abbekommen hat? Autorin: Iska Schreglmann. Mehr Wissen gibt's unter: http://www.br.de/faszination-wissen

Cäsium 137 lagert sich im Boden ab. Dort wird es unter anderem vom Hirschtrüffel aufgenommen. Er ist für den Menschen als Speisepilz uninteressant – bei Wildschweinen hingegen gilt er als Delikatesse, sie verzehren ihn in rauen Mengen. Mit dem Pilz landet auch das eingelagerte Cäsium 137 im Körper der Allesfresser. Das macht die Tiere zu einem wichtigen Bio-Indikator für Radioaktivität.

Der Baselbieter Jagdverwalter Holger Stockhaus sagt, dass die Wildschweine aus belasteten Gebieten, die den Weg in die Nordwestschweiz fänden, kaum stark belastet seien. «Es handelt sich in solchen Fällen wahrscheinlich um junge Keiler, sie sind wanderfreudig.» Weil Jungtiere noch gar nicht so viel Nahrung aufgenommen haben, seien auch ihre Strahlenwerte nicht übermässig hoch.

Anders sieht es im Kanton Tessin aus. Erst 2016 musste für den Verkauf bestimmtes Fleisch zerstört werden. Auch die Südschweiz wurde 1986 von der Giftwolke heimgesucht.

Ganz untätig geblieben ist man in der Schweiz aber nicht. Erst im vergangenen Jahr wurde der Grenzwert für Radionuklide in Wildschweinfleisch gesenkt. Er ist nun nicht mehr doppelt so hoch wie in Deutschland und in der Europäischen Union. Dort lag die Limite bei 600 Becquerel pro Kilogramm. Zuvor hatte in der Schweiz der Grenzwert von 1250 Becquerel gelegen.

Bund wollte Grenzwerte tilgen

Dabei sahen die Pläne des Bundes noch vor wenigen Jahren ganz anders aus. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) war 2016 sogar daran, die Strahlengrenzwerte für Lebensmittel abzuschaffen – nur fünf Jahre nach der Reaktor-Katastrophe von Fukushima.

Die Grenzwerte hätten dann zwar noch gegolten, jedoch nur im Falle eines Ereignisses – also eines erneuten Störfalls. Dann wäre es aber womöglich zu spät gewesen, warnte die Schweizer Sektion von «Ärztinnen und Ärzte für soziale Verantwortung und zur Verhütung eines Atomkrieges» (IPPNW). Denn es sei wichtig, dass ständig Messungen stattfänden – damit die Kantonslabore das teure Equipment behalten und kein Know-how verloren geht. Das BLV lenkte ein: Die Grenzwerte blieben dauerhaft erhalten.

So ist auch das Basler Kantonslabor weiterhin daran, die Radioaktivität in Lebensmitteln zu messen, etwa bei Wildbeeren und Pilzen. Noch immer finde man Fallout, der auf Tschernobyl zurückzuführen sei, sagt Kantonschemiker Hübner: «Am deutlichsten sehen wir das beim Türkischen Tee.»

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