«Haben Sie bis jetzt an die Geschädigten schon etwas zurückbezahlt?», fragte Gerichtspräsident Dieter Eglin den 58-jährigen Mann. «Nein», lautete die Antwort, sie sorgte bei den fünf Richtern am Montag im Baselbieter Kantonsgericht in Liestal für wenig Begeisterung.

Die Eckdaten des Falles sind bekannt und unbestritten: Rund 3,2 Millionen Franken an fremden Geldern hat der Mann über Jahre hinweg veruntreut und verschoben, unter dem Strich blieb ein effektiver Schaden von 2,6 Millionen Franken. Als Präsident und Finanzchef der römisch-katholischen Kirchgemeinde Birsfelden hat er sich vor allem dort bedient, Verluste erlitten aber auch das Birsfelder Roxy, der Basler Hauseigentümerverband, diverse Stockwerkeigentümer und Firmen sowie betagte Privatpersonen. Veruntreuungen kamen offenbar schon vor dem Jahr 2002 vor, sind allerdings bereits verjährt.

Im November 2015 verurteilte das Strafgericht in Muttenz den Mann wegen der Veruntreuungen zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren. Sowohl die Staatsanwaltschaft wie auch der Verurteilte haben den Fall weitergezogen: Staatsanwältin Rahel Keller fordert bei diversen Anklagepunkten eine höhere Einstufung der Tat als sogenannte qualifizierte Veruntreuung eines berufsmässigen Vermögensverwalters.

Bislang noch keine Rückzahlungen

Diese Einstufung ist entscheidend: Mehrfache Veruntreuung kann mit Freiheitsstrafe bis zu 7,5 Jahren bestraft werden, mehrfache qualifizierte Veruntreuung hingegen bis zu 15 Jahren. Rahel Keller beantragte am Montag eine Freiheitsstrafe von 5,5 Jahren.

Die Verteidigung andererseits möchte das Strafmass auf 33 Monate und damit in den teilbedingten Bereich drücken. Denn der Mann zeigte sich damals selbst an, kooperierte bei der Aufarbeitung der Buchhaltung und verzichtete im Gegensatz zu anderen Wirtschaftskriminellen auf verfahrensverzögernde Taktiken. Sein Verteidiger meinte auch, bei diesen Summen sei es mit symbolischen Ratenzahlungen nicht getan. «Soll er jeden Monat 100 Franken zurückzahlen? Das wäre ja lächerlich», so der Verteidiger.

Bis vor einem halben Jahr verfügte der Mann allerdings zusammen mit seiner Frau über ein Monatseinkommen von 9000 Franken, mit den Hypothekarzinsen liegt sein Existenzminimum offenbar bei 6800 Franken. Weshalb er bislang keine Rückzahlungen tätigte, konnte er vor Gericht nicht so recht erklären.

Jahrelang teurer Lebensstil

Inzwischen ist seine Frau ausgezogen, bald soll die Ehe geschieden werden, die Kinder wohnen bislang bei ihm. Auch diese weichen Faktoren spielen eine Rolle, das Gericht könnte das Strafmass wegen einer besonderen Strafempfindlichkeit nach unten drücken.

Wie schon in der ersten Verhandlung vor einem Jahr antwortete er auf Fragen monoton und emotionslos. Auf Fragen nach dem «Warum» gab es nur weitere Schilderungen von Abläufen. So sagte er gestern auch beiläufig, es sei bereits abgemacht, dass die Kinder bei seiner Frau wohnen würden, wenn er ins Gefängnis müsse. «Er kann nicht aus sich herauskommen. Er kann es nicht. Auch nicht im Gespräch mit seinem Verteidiger», betonte sein Anwalt mehrfach.

Urteil am Mittwoch

Auch der langjährige Lebensstil mit Ferien, Wein und Prostituierten für 19 000 Franken im Monat blieb ein Rätsel. «Das muss ja eine riesige Faszination ausüben, dass ein Mensch wie Sie sehenden Auges derart in den Abgrund rasen kann», meinte Gerichtspräsident Dieter Eglin. «Wenn man in den Ausgang geht, dann geht man halt nicht gerade ins McDonalds», antwortete der Mann darauf schulterzuckend.

Fraglich ist auch, wie das Gericht die Selbstanzeige des Mannes wertet: Noch einen Monat zuvor hatte er eine gefälschte Jahresrechnung erstellt, und wenige Tage vor seinem Gang zur Polizei stopfte er eines seiner Löcher bei der klammen Anlaufstelle Baselland mit über 30 000 Franken mit dem Geld einer Zuger Firma. Offenbar wollte er vor allem die Reichen schädigen, und hat damit zusätzliche zivilrechtliche Probleme für die Aufarbeitung geschaffen. Die fünf Richter fällen das Urteil am Mittwoch.