Platz schaffen

Verwaltungen misten Heimatschein aus – haben Sie Ihren schon abgeholt?

Der Heimatschein ist eigentlich längst obsolet, abgelöst von Infostar, einer digitalen Datenbank. Doch bis heute ist das Dokument in Gebrauch, Schweizer Amtsstuben horten noch immer hunderttausende der Dokumente. Aber jetzt greifen erste Gemeinden durch – etwa Allschwil.

Grossandrang in Allschwil gestern Nachmittag. Hunderte gingen auf der Gemeindeverwaltung vorbei – um ein Stück Papier abzuholen, das nichts mehr nützt und mit dem man sich nichts kaufen kann. Doch die Nostalgie war stärker bei den Allschwilerinnen und Allschwilern, die nach dem Abstecher auf die Verwaltung wieder nach Hause gingen, stolz, mit ihren Heimatscheinen in der Hand.

Eine dieser Allschwilerinnen ist Agnes Feldmann. «Ich habe den Schein hier abgegeben, als ich 1968 von Basel nach Allschwil zog», sagt sie zur bz. «Jetzt hole ich ihn wieder ab. Ich finde das ein schönes Dokument. Und wer weiss: Vielleicht brauche ich es irgendwann wieder?»

Allschwil ist eine der ersten Gemeinden in der Region, die im grossen Stil die Dokumente aushändigt, die sie nicht mehr aufbewahren muss. Rund 7200 Stück horte man noch, sagt Daniel Bury. Der Leiter der Einwohnerdienste hat fünf Mitarbeitende aufgeboten, die den ganzen Nachmittag nichts anderes taten, als Scheine auszuhändigen, gegen Vorlage von ID oder Pass. «Wir wollen den Platz anders nutzten», sagt Bury. 349  Heimatscheine weniger waren es bis gestern Abend, immerhin. Morgen Donnerstag folgt die nächste Abholaktion.

Ein alter Zopf, den nur die Schweiz kennt

Wie Allschwil müssen sich auch alle anderen öffentlichen Verwaltungen überlegen, wie sie ihre hunderten, wenn nicht tausenden von Heimatscheinen loswerden. Er ist ein Anachronismus und eine Schweizer Spezialität. Jeder Schweizer, jede Schweizerin hat nicht nur einen Geburts- und einen Wohnort, sondern auch einen Bürgerort, meist Heimatort genannt. Und weil alle Schweizer einen Heimatort haben, besitzen auch alle einen Heimatschein (nicht zu verwechseln mit dem Heimatausweis). Der Heimatschein bezeugt, dass man auch tatsächlich Bürger oder Bürgerin des Orts X ist.

Jahrzehntelang musste der Heimatschein am Wohnort abgegeben werden. Wer heiratete, hatte das Dokument zu erneuern. Doch 2004 änderte der Bund das entsprechende Gesetz. Infostar, eine digitale Datenbank, konnte neu alle Personendaten liefern. Sie machte den Heimatschein nutzlos. Doch weiterhin sammelten Gemeinden fleissig Scheine ein.

Im Dezember 2017 wurde dem Heimatschein endgültig der Garaus gemacht, mit der Revision des Zivilgesetzbuches. Das Problem: Der Begriff Heimatschein schwirrt noch immer in Gesetzen, Verordnungen und Reglementen herum. Es gibt wohl keine Gemeinde, die neue Exemplare einlagert. Aber viele wollen das Dokument weiterhin sehen, etwa von Zuzügern.

Gesetz ist noch gar nicht revidiert

Das Vorgehen Allschwils ist forsch. Die Baselbieter Anmelde- und Registerverordnung schreibt vor, die Verwaltungen hätten die hinterlegten Heimatschiene aufzubewahren, «bis auf Weiteres». Und: Die Herausgabe sei möglich, «auf Verlangen» der Betroffenen. Derzeit wird die Anmelde- und Registerverordnung revidiert, sie sieht die Tilgung der Aufbewahrungspflicht vor. Doch die neuen Bestimmungen treten frühestens per 1. März in Kraft. Darum warten viele Gemeinden ab, etwa Reinach und Pratteln. Wie die bz weiss, haben diverse Verwaltungen jedoch bereits damit begonnen, Heimatscheine an die Inhaber zurückzuschicken – unverlangt.

Basel baut sein Lager Schritt für Schritt ab

Anders macht es Basel-Stadt. Dort würden die Heimatscheine rund 120 Laufmeter Archiv belegen, schreibt Toprak Yerguz, Sprecher des Justiz- und Sicherheitsdepartements. Riehen und Bettingen unterhalten eigene Depots. Per Juli 2017 hat Basel die Aufbewahrungspflicht auch im kantonalen Gesetz getilgt. Seither wird das Lager nach und nach verringert, scheibt Yerguz – indem die Scheine bei Gelegenheit den Eigentümerinnen und Eigentümern mitgegeben würden. Man habe keinen akuten Platzmangel, es sei also nicht beabsichtigt, eine «Entsorgungsaktion durchzuführen».

Genau das würde Biel-Benken gerne tun. Gemeindepräsident Peter Burch schreibt, man lagere rund 1500 Heimatscheine und bleibe wohl auf 1000 sitzen. «Darum würde ich vorschlagen, dass nicht abgeholte oder angeforderte Scheine nach einer bestimmten Frist vernichtet werden.»

Dass die Schweiz den Heimatschein bald loswird, damit ist nicht zu rechnen. Alleine im Baselbiet hat 2019 die Zivilstandsverwaltung 2113 Auszüge herausgegeben, für 30 Franken pro Stück, wie es auf Anfrage heisst – «dies auf Bestellung der Kunden oder der Gemeinden infolge Volljährigkeit, Änderung des Zivilstands und so weiter.»

Die Ausstellung der Dokumente geht also munter weiter, der Bund hat keine Fristen gesetzt. Das Baselbieter Zivilstandsamt schreibt: «Eine Deadline ist uns nicht bekannt.»

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