Orientierungstage

Verwirrung um Armee-Werbung im Baselbiet: Der Landkanton soll mehr Junge rekrutieren

Die Armee klagt über akuten Mangel an Soldaten. Liegt es an der mangelnden Militärwerbung, dass zu wenige Junge in die Rekrutenschulen wollen? Im Bild: die Einrückenden zur letzten RS in der Kaserne Liestal vor zwei Jahren. (Archivbild)

Die Armee klagt über akuten Mangel an Soldaten. Liegt es an der mangelnden Militärwerbung, dass zu wenige Junge in die Rekrutenschulen wollen? Im Bild: die Einrückenden zur letzten RS in der Kaserne Liestal vor zwei Jahren. (Archivbild)

Immer weniger Junge gehen zur Armee, weil sie sich im Vorfeld schlecht informieren. Dies behauptet die SVP und lanciert einen Vorstoss im Landrat.

Immer weniger junge Menschen würden sich in der Armee für die Schweiz einsetzen und stattdessen «den vermeintlich einfacheren Weg des Zivildienstes wählen». Dies beklagt SVP-Landrat Reto Tschudin (Lausen). In einem soeben im Parlament eingereichten Vorstoss begründet er seinen Eindruck: «Dieser Entscheid erfolgt zumindest teilweise auf Grund mangelnder Information, denn nur wenige machen von der Möglichkeit Gebrauch, sich am Orientierungstag zu den Vorteilen des Armeedienstes zu informieren.»

Diese Unwissenheit würde die Schlagkraft der Armee auf bedenkliche Weise schwächen. Deshalb fordert Tschudin von der Baselbieter Regierung, die dafür notwendigen Vorkehrungen zu treffen, «dass die Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen der Sekundarstufen (A, E und P) den Orientierungstag während der Unterrichtszeit obligatorisch besuchen». Für seinen Vorstoss hat Tschudin, von Beruf Hauptabteilungsleiter im Baselbieter Betreibungs- und Konkursamt, die starke Form der Gesetzes-Motion gewählt.

Irritierender Vorstoss im Landrat

Es ist dies ein parlamentarischer Vorstoss, der auf den ersten Blick irritiert. Erstens weil die jährlichen Orientierungstage der Armee ohnehin schon für Männer obligatorisch sind. Die Jünglinge werden extra dafür aufgeboten und erhalten Sold und Erwerbsersatz für einen Tag. Zweitens, weil das Aufgebot erst im 18. Lebensjahr erfolgt, also lange nach dem üblichen Sekundarschule-Abschluss. Und drittens, weil Gymnasiasten für den Besuch des Orientierungstags in der Schule standardmässig einen freien Tag einziehen können.

Besteht möglicherweise trotzdem ein Missstand bei der Teilnahme, so wie ihn Tschudin in seiner Motion beschreibt? Ein erste Anfrage beim Schweizer Armeesprecher Daniel Reist läuft ins Leere. Für die Durchführung der Orientierungstage seien die Kreiskommandos der Kantone zuständig. Im Baselbiet werden die Orientierungstage jeweils in drei Blöcken im Februar, Juni und November durchgeführt. Aber beim kantonalen Amt für Militär und Bevölkerungsschutz weiss man nichts von irgendwelchen Auffälligkeiten.

Stabschef Roman Häring nennt Zahlen: 2019 sind im Baselbiet 1204 junge Männer stellungspflichtig. Von diesen sind 70 vom Rekrutierungsarzt aus medizinischen Gründen dispensiert worden. Von den verbleibenden 1134 Männern, die verpflichtet waren, am Orientierungstag teilzunehmen, sind 10 Personen unentschuldigt ferngeblieben. Allenfalls könne diese Zahl noch leicht zunehmen, ergänzt Häring, da für den Block im November 92 Nachzügler vorgesehen sind. Es könnte sein, dass auch dort einige nicht erscheinen. Bis dahin machen die diesjährigen Schwänzer eine Quote von 0,9 Prozent aus.

Ein Unbelehrbarer pro Jahrgang

Gemäss Eigenwerbung auf der Armee-Homepage ist an den Orientierungstagen «ein abwechslungsreiches Programm (...) angesagt. Moderatoren führen Sie durch diesen Tag und bereiten Sie mit praktischen und theoretischen Modulen umfassend auf Ihre Rekrutierung vor. Sie zeigen Ihnen auf, welche Möglichkeiten Sie als Militär- und Schutzdienstpflichtiger haben.»

Bleibt jemand unentschuldigt fern, führt dies im Baselbiet automatisch zu einer Busse von 100 Franken und einer Einvernahme durch das Amt für Militär und Bevölkerungsschutz. «Nimmt die Person nach dem erneuten Wiederaufgebot den Orientierungstag wieder nicht wahr, folgt eine Busse über 200 Franken. Dies kann sich so bis zu einer Busse von 500 Franken weiterentwickeln», erklärt Stefan Häring die üblichen Eskalationsstufen. Dass danach noch ein unbelehrbarer Totalverweigerer der Militärjustiz übergeben werden muss, tritt laut Sicherheitsdirektion im Landkanton «maximal einmal pro Jahr» auf.

Ganz andere Stossrichtung beabsichtigt

Angesichts dieser Zahlen kann es vermutlich doch nicht an einer mangelnden Teilnahme an den obligatorischen Orientierungstagen liegen, wenn die Armee beklagt, dass ihr die Soldaten ausgehen. SVP-Landrat Reto Tschudin hat seinen Vorstoss aufgrund eines Artikels in der «Basler Zeitung» eingereicht. Inzwischen ist der alt gediente Wachtmeister ebenfalls in Besitz der tatsächlichen Präsenzzahlen im Baselbiet. Selbst wenn die Teilnahme an den Orientierungstagen hoch ist, so möchte er an seinem Vorstoss festhalten.

«Eigentlich ist das ein Thema für die Bildungsdirektion. Ich würde gerne von der Regierung erfahren, welche Möglichkeiten es gibt, dass während der obligatorischen Schulzeit über die Karrieremöglichkeiten in der Armee orientiert wird, und zwar an alle Schülerinnen und Schüler gerichtet», sagt Tschudin. Er verweist auf den Titel seiner Motion «Die Armee soll Schule machen», die von acht SVP-Fraktionskollegen mitunterzeichnet worden ist.
Die bz weiss: Sein Vorstoss hat trotzdem intern in der Kantonsverwaltung für Kopfschütteln gesorgt. Tschudins Betreibungsamt ist ebenso der Sicherheitsdirektion unterstellt wie das Amt für Militär und Bevölkerungsschutz.

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