Auf 19 Millionen Franken schätzen die Experten des Landwirtschaftlichen Zentrums Ebenrain (LZE) in Sissach den Wert der Ernteausfälle, die der Jahrhundertfrost vom 20. und 21. April beschert hat. Das sind rund 90 Prozent des gesamten Produktionswerts der Spezialkulturen in den beiden Basel (21,9 Millionen) und 20 Prozent des gesamtschweizerischen Schadens (100 Millionen). «National sind wir die am stärksten betroffene Region», bestätigt Ebenrain-Leiter Lukas Kilcher einen Monat nach dem landwirtschaftlichen Wetter-GAU.

Doch laufen jetzt die Entlastungsmassnahmen von Bund und Kantonen an, welche den am stärksten Betroffenen das wirtschaftliche Überleben ermöglichen sollen. Laut Kilcher konzentrieren sich die laufenden Bemühungen auf drei verschiedene Bereiche:

  • Finanzielle Überbrückungshilfe Am Dienstag verabschiedete die Baselbieter Regierung einen Nachtragskredit zuhanden des Landrats über 2 Millionen Franken. Mit dem Geld soll der schon länger bestehende Betriebshilfefonds der Landwirtschaftlichen Kreditkasse Baselland von aktuell 1,3 Millionen auf 5,3 Millionen Franken aufgestockt werden. Die restlichen 2 Millionen kommen vom Bund mittels einer Umlagerung von der Landwirtschaftlichen Kreditkasse, sobald Baselland den gleichen Betrag gesprochen hat. Darum wird im Landrat der Nachtragskredit schon kommenden Monat traktandiert. Aus dem Betriebshilfefonds können die von den jetzigen und noch zu erwartenden Ernteausfällen betroffenen Landwirte zinslose Darlehen aufnehmen, die sie innert 10 Jahren an den Kanton in Mindesttranchen von 4000 Franken zurückzahlen müssen. Bisher sind beim LZE laut Kilcher sieben Anträge von notleidenden Bauern in der Höhe von über 200 000 Franken eingegangen. Weitere Anträge werden folgen, sobald sich im Jahresverlauf das genaue Ausmass der Ausfälle bei den Kirschen, Äpfeln und Birnen beziffern lässt. «Der Gesamtbedarf von 5,3 Millionen Franken für Überbrückungskredite wurde von uns sorgfältig errechnet», sagt Kilcher, wobei er betont, dass kein Bauer bloss wegen dem günstigen Angebot einen solchen Kredit beantragen wird. Unter Umständen wird der Bund die vollen 4 Millionen Franken übernehmen. Dann würde das Nachtragskreditbegehren an den Landrat hinfällig. Entsprechende Abklärungen beim Bund seien am Laufen.
  • Kurzarbeit-Entschädigung Soeben hat das eidgenössische Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) einen Antrag des Baselbieter Arbeitsamts (Kiga) bewilligt, dass Bauernbetriebe Kurzarbeit einführen dürfen. Wenn Erntearbeiten wegen der Frostschäden ausfallen, haben die Landwirte nun Anrecht darauf, für ihre Angestellten von der Arbeitslosenversicherung Kurzarbeitsentschädigungen zu beantragen. Allerdings macht das Seco zwei gewichtige Einschränkungen: Der Antrag darf nur für Mitarbeitende mit einer unbefristeten Anstellung gestellt werden, und nicht für die wesentlich stärker betroffenen Ernte-Saisonniers. Zweitens müssen jene Angestellten, für die eine Kurzarbeitsentschädigung entrichtet wird, zu Hause bleiben und dürfen keine anderen Arbeiten auf dem Hof verrichten. Angesichts dieser Einschränkungen geht Kilcher davon aus, dass nur wenige Bauern diese Entlastungsmassnahme in Anspruch nehmen werden, entsprechend wenig Anträge auf Kurzarbeit sind beim Kiga eingegangen. Handkehrum droht jetzt vielen Saisonniers die vorzeitige Entlassung. «Aber immerhin hat das Seco anerkannt, dass die Frostsituation zur Kurzarbeit berechtigt», sagt Kilcher.
  • Ertragsausfall-Versicherung Diese Entlastungsmassnahme ist erst jetzt mittels einer Motion des Schweizer Bauernpräsidenten und Nationalrats Jacques Bourgeois (FDP, Freiburg) in den Gesetzgebungsprozess eingebracht worden, weswegen sie, wenn überhaupt, für die jetzigen Frostschäden zu spät kommen wird. Für eine neu zu schaffende Ernteausfallversicherung für Obstbauern soll der Bund jeweils 50 Prozent der Prämien übernehmen. Das Landwirtschaftliche Zentrum Ebenrain unterstützt diesen Vorstoss – trotz der breiten Kritik, die diese Motion hervorgerufen hat. Dennoch hat es für Kilcher seine Richtigkeit, «wenn die hauptleidtragende Branche von Wetterextremen, welche wegen dem menschgemachten Klimawandel häufiger und stärker auftreten, von der Gesellschaft auf diese Art unterstützt wird»; insbesondere dann, wenn andere Versicherungen bei einem Totalausfall der Ernte nicht greifen. Erst die kommenden Monate werden zeigen, wie viele der 900 Landwirte im Baselbiet wegen des Jahrhundertfrosts Überbrückungsmassnahmen beantragen müssen. «Alles in allem muss ich unseren Bauern ein Kränzlein winden», fasst Kilcher zusammen, «sie haben sehr engagiert und dynamisch auf den Frost reagiert und teilweise Temporärjobs in anderen Branchen angenommen.» Das ändere aber nichts am Ernst der Lage.