Biel-Benken

Viel geschimpft, wenig geschlichtet: Das Verhältnis zum umstrittenen Pfarrer bleibt unklar

Die reformierte Kirche Biel-Benken ist derzeit Schauplatz eines Hauskrachs.

Die reformierte Kirche Biel-Benken ist derzeit Schauplatz eines Hauskrachs.

Die Reformierten in Biel-Benken sprechen sich an einer Versammlung über ihre Zukunft aus. Doch selbst nach dem vierstündigen Anlass und einer Aneinanderreihung von Vorwürfen bleibt das Verhältnis zu ihrem umstrittenen Pfarrer unklar.

Eigentlich hätte die Kirchgemeindeversammlung der Biel-Benkemer Reformierten aufzeigen sollen, wie es mit der erschütterten Gemeinde weiter- gehen soll. Diesen Wunsch hatten im Vorfeld zahlreiche Kirchenmitglieder geäussert, so auch Markus Fricker, der Mediator, den die evangelisch-reformierte Kantonalkirche Ende 2019 als Gemeindeleiter eingesetzt hatte, nachdem fast die ganze Kirchenpflege zurückgetreten war. Dafür hatte er eigens ein Traktandum «Aussprache zur Situation in der Kirchgemeinde» anberaumt.

Der über vierstündige Anlass am Samstag wurde schliesslich zu einer Aneinanderreihung von Vorwürfen. Die Kritik der rund hundert Kirchenmitglieder im Saal richtete sich ausschliesslich an eine Person: Nico Rubeli, seit zwei Jahren der Pfarrer in Biel-Benken. Er wird nicht nur für die Rücktritte in der Kirchenpflege verantwortlich gemacht, sondern auch für die Kündigungen zahlreicher Mitarbeiter. Ihm wird Mobbing und Belästigung vorgeworfen – und dass er hinter dem Rücken von Kirchenmitgliedern gegen diese üblen Spielchen betreibe.

Sogar die Jahresrechnung enthält Kritik am Pfarrer

Den Seniorenchor soll er als «Rollatorclub» bezeichnet haben. «Ich ertrage seinen Zynismus nicht mehr», sagte eine Frau. «Er macht Opfer zu Tätern, das ist beschämend», meinte eine andere. Zu Wort kamen auch ehemalige Mitarbeitende der Kirchgemeinde. Eine erklärte, der Pfarrer habe ihr ein Verhältnis zu einem anderen Kirchenmitglied unterstellt. «Welche krankhafte Fantasie muss man haben, um so was zu tun?» Sogar die Verabschiedung der Jahresrechnung, sonst eine trockene Sache, geriet zur Abrechnung mit Rubeli, als der Revisor die Kosten betonte, die der Pfarrer mit den vielen Abgängen verursacht habe.

Übereinstimmend sagten einige, man habe immer wieder das Gespräch mit Rubeli gesucht, dieser habe aber abgelehnt. Mehrfach wurde er vorgestern aufgefordert, konkret zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Doch er blieb vage, verwies auf seine Gesprächsbereitschaft und seinen Willen, Mediatoren einzuschalten. Zudem kenne die Kirche Arten der Streitschlichtung, etwa die Ombudsstelle. «Ich respektiere jeden Einzelnen von Euch», sagte er mehrmals. Dazu meinte der Ex-Präsident der Kirchenpflege: «Nico, Du hörst nicht zu, wenn Dir etwas nicht passt.»

Ein Mann brachte den «Machtkampf» so auf den Punkt: «Wir befinden uns nicht mehr in der Kirche, sondern in der Politik.» Aber erst nach über zwei Stunden wagte, jemand ausdrücklich zu sagen, was wohl viele schon lange dachten: «Wir sollten die Vertrauensfrage stellen.» Denn mit Rubeli als Pfarrer könne die Gemeinde schlicht nicht mehr funktionieren.

Nur pfarrerfreundlichen Kandidaten nicht nominiert

Darauf hin führte Fricker eine «Konsultativabstimmung» durch. Die Frage «Finden Sie, dass das Vertrauen zum Pfarrer erschüttert ist?» beantworteten 56 Gemeindemitglieder mit Ja, 18 mit Nein. Rubeli ist bis mindestens 2023 angestellt, und eine Absetzung sei rechtlich nur unter ganz bestimmten Bedingungen möglich. Die Abstimmung ergab für Fricker aber «immerhin ein momentanes Stimmungsbild».

Dass ein beträchtlicher Teil der Gemeinde ihren Pfarrer am liebsten los wäre, zeigte auch die Nomination der Kandidaten der Kirchenpflege für die Legislatur 2021–2024. Für sechs Sitze gab es sieben Kandidaten. Nicht nominiert wurde nur derjenige, der sich auf die Seite Rubelis gestellt hatte. Das letzte Wort haben die über tausend Biel-Benkemer Reformierten an der Urne.

Mit einer funktionierenden Kirchenpflege wird Mediator Fricker eine der Aufgaben erledigt haben, die er vom kantonalen Kirchenrat erhalten hatte. Nicht erfüllt hat er die zweite Aufgabe, wie er selber nach der Versammlung einräumte: Den Krach mit Rubeli lösen. Denn Hinweise, wie sie mit dem unbeliebten Pfarrer umgehen soll, hat die zukünftige Kirchenpflege am Samstag nicht erhalten.

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