Existenzängste

Vollkostenrechnung: So viel kostet ein Krippenplatz im Baselbiet

(Symbolbild)

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Der Verein Tagesbetreuung Nordwestschweiz legt eine Vollkostenrechnung für einen Krippenplatz vor. Damit will man Gemeinden und Eltern die Augen öffnen.

Für Christine Speiser steht fest: «Ändert sich nichts, sind mehrere Kindertagesstätten in ihrer Existenz bedroht, einige sind es schon heute.» Zu schlecht ausgestattet seien oft die verschiedenen Finanzierungsmodelle der Gemeinden, zu gross der Preisdruck auf die konkurrenzierenden Krippen. Die Leiterin des Prattler Chinderhuus Trampi hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, Eltern, Gemeinden, aber auch andere Krippen aufzuklären, wie teuer ein Krippenplatz eigentlich genau ist, wenn man alle anfallenden direkten und indirekten Kosten berücksichtigt.

Vollkostenrechnung lautet das Stichwort. Bisher gibt es dazu keinerlei Erhebungen. Über den Verein Tagesbetreuung Nordwestschweiz (Tabeno), dem 23 Krippen aus beiden Basel angehören, lud Speiser gestern als Erstes Krippenleitungen ins Schloss Pratteln ein, um ihre Berechnungen zu präsentieren und zu diskutieren, wie man das Problem auch den Gemeinden als Mitfinanzierern und den Eltern klar machen kann.

124 Franken pro Kind und Tag

Und Speisers Berechnungen sind brisant: Pro Kind und Tag kostet demnach ein Krippenplatz im Baselbiet 124 Franken. Dies unter der Annahme, dass die Kita nur zu 80 Prozent ausgelastet ist. Laut Speiser entspricht dies der heutigen Realität im Kanton. Bei voller Auslastung lägen die Kosten bei 115 Franken. Wobei: Der nationale Krippenverband Kibesuisse analysierte Speisers Berechnungen und stellte ihnen einen eigenen Finanzierungsplan gegenüber. Dieser kommt sogar bei Vollauslastung zu einem Tagesbetrag von 130 Franken, bei 80 Prozent wären dies 144 Franken. Speiser scheint also eher defensiv kalkuliert zu haben.

Um zu merken, dass 124 Franken pro Tag nicht viel sind, genügt der Blick auf die Öffnungszeit einer Kita von 11,5 Stunden. Während dieser Zeit fällt vor allem etwas an: Lohnkosten.

Speiser rechnet mit 140 Stellenprozenten für die Betreuung von fünf Kindern, wobei dieser Betreuungsschlüssel wohl eher zu niedrig angesetzt ist. Bei einem Vollzeitlohn von 4500 Franken und den Zulagen macht allein dies rund 73 der 124 Franken aus. Dazu kommen Mietkosten von rund 15 Franken, 11 Franken für die Verpflegung und knapp 26 Franken für Verwaltungskosten wie Administration, Hauswartung oder Verbrauchsmaterial.

Subvention zahlt sich aus

Laut Claudia Huser, die mit ihrem Luzerner Büro Communis in der ganzen Deutschschweiz Gemeinden bei den Finanzierungsmöglichkeiten für familienergänzende Kinderbetreuung (FEB) berät und gestern ein Referat hielt, müsste eigentlich noch mehr miteingerechnet werden: Entschädigungen für die Leitungsaufgaben, ehrenamtliche Arbeit oder Mobiliarverschleiss.

Die Anwesenden im Prattler Schloss stehen nun vor einem Dilemma: Wie können sie diese Vollkosten decken, wenn Eltern nicht so viel zahlen wollen, die Gemeinden aber bei ihren Unterstützungsbeiträgen sparen? Vor allem Letzteres wurde kritisiert. Der Trend weg von der Objektfinanzierung einzelner Krippen hin zur Subjektfinanzierung mit Betreuungsgutscheinen an einkommensschwache Eltern würde teils für Sparübungen missbraucht. Huser setzt bei den Gemeinden auf Anreize: So zeige eine aktuelle Studie der Uni St. Gallen, dass das in Krippen investierte Geld sich auszahle, etwa durch Einsparungen in der Sozialhilfe, da die Mutter wieder arbeiten gehen kann. Das Problem: Bis die Vorteile in den Büchern der Gemeinden sichtbar werden, brauche es Geduld – und zwar mehrere Jahre.

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