Klimawandel

Vom Opfer zum Sündenbock: Bauernpräsident relativiert die Mitschuld der Landwirte

Die Landwirtschaft ist für den Klimawandel mitverantwortlich. Wie stark, ist umstritten.

Die Landwirtschaft ist für den Klimawandel mitverantwortlich. Wie stark, ist umstritten.

Landwirte sind nicht nur Betroffene und Opfer, sondern auch Mitschuldige am Klimawandel. So werden durch den Anbau und Transport von Kraftfutter viel Treibhausgase freigesetzt. Die Baselbieter Bauern befürworten eine klimafreundliche Landwirtschaft, wehren sich aber gegen neue Gesetze.

Ende Jahr wird auf den Landwirtschaftsbetrieben abgerechnet. Dann wird klar, wie sehr der Kälteeinbruch im Frühling sich auf die Erträge ausgewirkt hat. Kälte, Hitze, Wassermangel: Bauernbetriebe arbeiten mit der Natur, und bekommen so Wetterextreme schnell zu spüren. Deshalb macht ihnen der Klimawandel auch besonders zu schaffen.

Bauern sind allerdings nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Diese Position vertritt Lukas Kilcher, der Leiter des landwirtschaftlichen Zentrums Ebenrain, im Interview. «Wir befinden uns in einer Dreieckssituation», erklärt der ETH-Agrarökonom. «Die Landwirtschaft ist zugleich Mitverursacherin und Betroffene des Klimawandels.» Beispielsweise werde der Boden durch intensive Bodenbearbeitung stärker durchlüftet, wodurch organische Substanzen abgebaut werden und so mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangt. Oder durch den Anbau und den Transport von Kraftfutter für Nutztiere werden Treibhausgas-Emissionen freigesetzt, führt Kilcher aus.

«Was ist uns nun wichtiger?»

Andreas Haas, der Präsident des Bauernverbandes beider Basel, relativiert: «Sicher ist es so, dass auch landwirtschaftliche Betriebe zum Klimawandel beitragen. Aber im Vergleich mit anderen Verursachern, beispielsweise dem Verkehr, sind Betriebe in der Schweiz nicht Haupttäter.» Er betont die wichtige Aufgabe, die die Landwirtschaft erfüllt. «Jedes Jahr müssen auf der Welt mehr Menschen ernährt werden», so Haas. In der Schweiz gäbe es aber seit den 1990er-Jahren viele Anstrengungen für eine umweltfreundlichere Landwirtschaft.

«Beispielsweise ist es heute üblich, dass grosse Maschinen von mehreren Betrieben genutzt werden.» Zudem nehme der Ankauf von anorganischem Stickstoffdünger seit Jahren ab. Aber Landwirte hätten auch immer wieder mit den Anforderungen von verschiedenen Seiten zu kämpfen: «Aus Tierschutzgründen stellten viele Betriebe auf Laufställe um. Das führte zu mehr Emissionen. Was ist uns nun wichtiger?»

Grundsätzlich findet er die Diskussion um die Rolle der Landwirtschaft in der Klimaerwärmung aber richtig. «Wir versuchen deshalb immer, für das Thema zu sensibilisieren.» Neue Gesetze hält Haas aber für unnötig: «Das würde bei den Bauern auf wenig Gegenliebe stossen», vermutet er. Wichtiger sei es, freiwillig auf klimafreundliches Wirtschaften auf dem Hof zu achten. «Gerade junge Landwirte sind da sehr aufgeschlossen.» Plattformen wie Agro Clean Tech helfen beispielsweise dabei, auf dem eigenen Hof Energie zu sparen. Mit einem Test können Landwirte dort herausfinden, wie viel Energie der eigene Betrieb verbraucht und welche Auswirkungen er auf das Klima hat. Dazu sind auf der Seite verschiedene Massnahmen zusammengestellt, wie Landwirte energieeffizienter und klimafreundlicher arbeiten können. «Schlussendlich ist die Landwirtschaft sehr interessiert daran, möglichst nachhaltig zu sein», so Haas. Es sei schliesslich das Ziel der Bäuerinnen und Bauern, den eigenen Betrieb an die nächste Generation zu übergeben.

Gesellschaft muss umdenken

Landrätin Susanne Strub (SVP) ist derselben Meinung. Seit 27 Jahren arbeitet sie als Bäuerin auf ihrem Hof in Häfelfingen. Und sie ist überzeugt: Es bringt nichts, einander den schwarzen Peter zuzuschieben. «Die Landwirtschaft hat erkannt, dass sie einen Beitrag zum Klimaschutz leisten muss. Und die Bauern arbeiten seit Jahren daran.» Aber die Bauern seien nur ein Glied in einer langen Kette, und könnten deshalb nicht nur als Sündenböcke hingestellt werden. «Die Landwirtschaft in der Schweiz unterliegt strengen Regeln. Ich hinterfrage auch die Freizeitgestaltung unserer Gesellschaft. Wenn man für 25 Franken nach London zum Shoppen fliegt, dann trägt auch das zum Klimawandel bei». Sie fordert auch ein Umdenken bei Konsumenten: «Regional und saisonal einkaufen würde schon eine Menge dazu beitragen, dass das Klima geschont werden könnte.»

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