Im Baselbiet erhalten wir jedes Jahr einen postbeglaubigten, gelben Faltprospekt «Notruf und nützliche Hinweise». Auf der Innenseite finden sich die fünf Notfallkurznummern, der lokale Polizeiposten, ein Elektro-, ein Heizungs- und ein Taxiunternehmen aus der Region. Dann folgen Gesundheitsdienste von A wie Apotheke über Fitnessclub, Massagen, Psychologie bis Z wie Zahnärzte. Sauber aufgelistet.

Im dritten Teil bei den nützlichen Diensten geht’s dann von Autolackierereien über Kaffeemaschinen bis zu Velohändlern. Und mittendrin: wir Pfarrämter, nicht bloss eines, sondern gleich alle des obersten Kantonsteils!

Dem sorgfältigen Leser fällt dabei deren Einbettung auf: Pfarramt zwischen Mosterei und Pizzakurier. OMG – Oh my God?! Die alphabetisch korrekte, kulinarische Einbettung hat mir schonungslos aufgezeigt, wo Kirche und Seelsorge in unserer Gesellschaft angesiedelt sind: nützliche Dienste eben.

Mostereien sind solche, es wird von August bis Oktober minderwertiges Obst durch die Presse gelassen, pasteurisiert und zu hochwertigem Baselbieter Apfelsaft verarbeitet. Pizzakurierdienste sind ebenso nutzbringend. Rund um die Uhr liefern sie schnell wie die Feuerwehr frische und heisse Pizzen direkt ins Haus, wenn eine Hungerattacke uns überfällt, Zeit und Lust zum eigenen Kochen fehlt. Da kann man in den Boxershorts an der Haustüre gegen ein paar Franken heisse, kaloriengeschwängerte Kartons entgegennehmen und sich deren Inhalt wörtlich: einverleiben.

Und dazwischen die Pfarrämter. Als einem der Amtsinhaber stellt sich mir die Frage: Bei welch akuten Bedürfnis oder Notfall rufen Menschen bei mir an? Bei einer seelischen Hungersnot, einer geistlichen Trockenheit? Wünschen diese bloss eine Auskunft oder einen Besuch, dass ich ihnen Zeit schenke und zuhöre? Etwas Passendes aus der Frohen Botschaft mitbringe?!

Bis vor 80 Jahren war alles anders. Da ist man mindestens auf dem Land bei allen Notfällen und vielen Problemen ins Pfarramt gesprungen, dort wusste der Seelsorger (oder dessen Frau) für alle möglichen und unmöglichen Lebenssituationen Rat – und wenn nicht, fand man wenigstens Gehör. Im Pfarrhaus befand sich später meist das erste (Notfall)Telefon im Dorf. Wenn ein hungriger Mensch geklopft hat, gab es zwar keine Pizza, aber einen Teller Suppe und ein Glas Most.

Wenn ich daran denke, dass die Menschen heute bei allen hier aufgelisteten Problemen und Themen jeweils bei mir klopfen oder anrufen würden, wäre ich Tag und Nacht beschäftigt.

Das Amtsverständnis alter Tage war nicht nur edel. Es gab wenig Rückzugsmöglichkeit und Privatsphäre. Wenn ich an einem schönen Sommerabend mit meiner Frau auf dem Balkon gemütlich bei einer Pizza und einem Glas Wein sitze, oder mir die Zeit nehmen kann, für die bz eine Kolumne zu schreiben, dann freue ich mich darüber, wie es heute ist.

Und über die Nützlichkeit meines Amtes zwischen Most und Pizza.