Beim Begriff Scherenschnitt denken die meisten wohl an die Bastelstunde ihrer Primarschulzeit. Oder im besten Fall an traditionell symmetrische Alpaufzüge in Schwarzweiss.

«Darüber hinaus kommen leider nur die wenigsten mit dieser Kunstform in Berührung», meint Sabine Ochsner, Projektleiterin der 9. Schweizerischen Scherenschnitt-Sonderausstellung im Museum.BL. «Das ist schade», findet sie, «denn die Kunstform des Scherenschnitts wird in seiner Vielfältigkeit und Aktualität oft unterschätzt.»

Die 9. Schweizerische Scherenschnittausstellung soll hier Abhilfe leisten. Initiiert wurde die Ausstellung vom 1986 gegründeten Verein Scherenschnitt Schweiz. Dieser hatte es sich damals zur Aufgabe gemacht, frischen Wind in das traditionelle Kunsthandwerk zu bringen und auch die jüngere Generation zum Mitmachen zu bewegen.

Dazu veranstaltete der Verein regelmässige Wettbewerbe, bei denen Scherenschnittkünstler ihre Werke einreichen konnten. Eine Jury, bestehend aus Kunsthistorikern und Vorstandsmitgliedern des Vereins, bewertete diese. Die 69 besten Schnitte des letzten Wettbewerbs sind nun im Museum.BL ausgestellt.

Alles andere als schwarz-weiss

Schon auf den ersten Blick wird klar: Es gibt viel mehr zu sehen als nur schwarz-weisse Nostalgie und Heimatgefühl. Um die seit dem 17. Jahrhundert in der Schweiz existierende Handwerkskunst auch für jüngere Künstler wieder attraktiv zu machen, musste der Verein für Veränderungen innerhalb des Genres bereit sein.

So hätte man die teilweise sehr bunten, groben und asymmetrischen Schnitte noch vor zehn Jahren gar nicht im Wettbewerb erlaubt. «Es ist jetzt alles viel lockerer und die Künstler sind dementsprechend viel freier in ihrem Schaffen», sagt Ochsner. Statt nur mit der Schere darf jetzt beispielsweise auch mit dem Skalpell geschnitten werden, das Einbinden von Farben ist ausdrücklich erwünscht und der Vorstand nimmt neu auch Collagen entgegen.

Der junge Künstler Silvain Monney bindet sogar neuste digitale Formen in seinen Scherenschnittcomic ein: Eine App macht das Kunstwerk interaktiv. Einfach das Smartphone über den Comic halten und schon bewegen sich Figuren und Objekte oder ertönen Geräusche.

Neben Monney reichten Scherenschnittler aus allen Berufsgattungen und Altersklassen ihre Beiträge zum Wettbewerb ein.

Mitmachen erlaubt

«Dem Verein war es wichtig, dem Scherenschnitthandwerk wieder Leben einzuhauchen», so Ochsner. Das Thema des Wettbewerbs: lebendige Stadt. «Damit taten sich einige Vereinsmitglieder zuerst schwer. Viele haben nicht mitgemacht und es gab sogar Vereinsaustritte». Die Resultate sprechen aber für sich.

Durch das unterschiedlich intensive Einbinden der Stadt in die Schnitte und die vielen verschiedenen Techniken der Künstler entstand eine riesige Vielfalt an Beiträgen. Dabei spielen auch aktuelle Themen des Alltags und politische Statements eine grosse Rolle.

Nebst einem Schnitt auf dem man UBS, Credit Suisse und Co. als Kommentar zur Bankenkrise erkennen kann, fällt eine Installation besonders auf. Rot-braun und scheinbar schwebend hängt sie im Raum, man kann sie von beiden Seiten betrachten und sogar anfassen. Das merkt man auch, wenn man genauer hinschaut: Der Schnitt ist am unteren Rand zerfetzt, Stücke davon liegen auf dem Boden.

Zerfall unterstützt Botschaft

Ernst Oppliger, dem Urheber des Werks, macht das nichts aus. Der Zerfall seiner Arbeit unterstützt deren Botschaft. Es geht um die zerstörte syrische Stadt Deir al Zor, die Oppliger in Öl auf eine Leinwand aus zusammengenähten Beipackzetteln gemalt und dann zum Scherenschnitt gemacht hat.

Auf der Vorderseite erkennt man neben zerbombten Häuserfronten unter anderem den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad, Granatenwerfer und IS-Kämpfer. Auf der Rückseite stechen prominent US-Flagge, die Türkei, Russland und RUAG ins Auge. Der Betrachter denkt sich seinen Teil.

«Uns ist es wichtig, Brücken zu schaffen», sagt Ochsner. Deshalb findet am Sonntag ein öffentliches Schauschneiden statt, bei dem Interessierte den Künstlern beim Schaffen über die Schulter schauen und sich mit ihnen unterhalten können. «Sie können sich auch dazusetzen und selbst einen Schnitt anfertigen.» Bestimmt entsteht dabei dann auch das eine oder andere schnittige Besucherkunstwerk.

 

Öffentliches Schauschneiden: Sonntag, 13. Januar, 14 Uhr Museum.BL