«Jogger im Wald aufgepasst. Der Bussard greift an», warnt eine Userin auf Facebook in der Gruppe «Liestal vernetzt». Im Gebiet Windentalerhöhe, Schleifenberg, Leisenberg und beim Aussichtsturm seien Greifvögel unterwegs, die Joggern gefährlich nahe kämen.

«Man hört und sieht sie nicht kommen, plötzlich sind sie über einem», schreibt die Frau weiter. Meistens ende dies zwar bloss «mit grossem Schrecken» und ohne Verletzungen. Ihr Mann sei aber vor einigen Wochen erwischt worden und habe eine Schramme am Kopf davongetragen. Auch sie habe ein Mäusebussard schon leicht mit den Krallen berührt. «Ein unheimliches Gefühl», schreibt die Userin.

Die Angriffe in der Region Liestal sind kein Einzelfall: Vergangene Woche wurde ein Jogger in Windisch attackiert, einen Monat zuvor hatte es einen Läufer im aargauischen Birmenstorf getroffen. Von ähnlichen Vorfällen berichteten Medien in den vergangenen Wochen aus Solothurn, Rapperswil-Jona und Lörrach.

Läufer sind potenzielle Feinde der Vögel

«Dieses Verhalten ist zwar eher aussergewöhnlich. Es kann aber gelegentlich vorkommen, dass sich Greifvögel in Nestnähe aggressiv verhalten», sagt Simon Hohl. Er sitzt im Vorstand des Basellandschaftlichen Natur- und Vogelschutzverbands und ist für das Ressort «Ornithologie und Naturschutzfragen» zuständig.

Hohl geht davon aus, dass der Mäusebussard so reagiert, weil sich sein Nest in der Nähe befindet: «Dieses verteidigt er nun mal gegen Artgenossen oder potenzielle Feinde, wozu der Mensch zählt.» Gerade mögliche Feinde, die sich schnell annähern, können vom Bussard als Gefahr für den Nachwuchs wahrgenommen werden – also auch Jogger.

Mäusebussarde bevorzugen ruhige Waldstücke, um ihre Jungvögel aufzuziehen. Daher komme es auch selten zum Kontakt mit Menschen. Ist dies aber trotzdem der Fall, so wie momentan in Liestal, solle man versuchen, die Stelle zu meiden – beispielsweise, indem man seine Joggingroute anpasst. Müsse man die Stelle aber zwingend passieren, sei es besser, ruhig weiter zu gehen und nicht dort zu verweilen, rät Simon Hohl.

Dass es nur selten zu tatsächlichen Angriffen kommt und sich die Vögel meist nur annähern, hat einen logischen Grund: «Der Mensch stellt für den Mäusebussard einen potenziellen Feind dar, der deutlich überlegen ist», erklärt Hohl. Es sei für den Bussard deshalb ein erhebliches Risiko, einen Menschen anzugreifen. «Deswegen versucht er in einer ersten Phase, den Menschen mit Scheinangriffen zu vertreiben.» Wird diese «Drohung» nicht verstanden, kann es auch zu tatsächlichen Angriffen kommen. «Diese sind aber im Normalfall vermeidbar», sagt Hohl. Sollte es trotzdem zu einem Angriff kommen, gilt es, die Augen zu schützen.

Brutzeit neigt sich dem Ende zu

Auch der Vogelwarte Sempach ist die Problematik bekannt. Dass Mäusebussarde Sportler attackieren, komme jährlich vor. Zum Thema hat die Vogelwarte sogar ein Merkblatt erstellt. Im Extremfall könne ein Jogger im Umkreis von 500 Metern attackiert werden. Auch bei der Vogelwarte heisst es aber, es handle sich meist um Scheinangriffe. Sollte es doch zu einem Angriff kommen, rät die Vogelwarte zum Besuch beim Hausarzt und zu einer Starrkrampf-Impfung.

Das Problem sollte sich jedoch bald von selbst lösen: «Die Brutzeit neigt sich dem Ende zu und die Jungen dürften ausgeflogen sein oder dies in den nächsten Tagen bis Wochen tun», erklärt Simon Hohl.