Fukushima-Effekt

Wahlerfolg: Isaac Rebers Wahlkampf als Lehrstück

Isaac Reber und seine Partei scheuten keinen Aufwand, um den Weg ins Regierungsgebäude zu ebnen. Isaac Reber und seine Partei scheuten keinen Aufwand, um den Weg ins Regierungsgebäude zu ebnen.  Georgios Kefalas/key

Isaac Reber und seine Partei scheuten keinen Aufwand, um den Weg ins Regierungsgebäude zu ebnen. Isaac Reber und seine Partei scheuten keinen Aufwand, um den Weg ins Regierungsgebäude zu ebnen. Georgios Kefalas/key

Isaac Reber schmunzelt, wenn er vom Fukushima-Effekt hört. Seinen überraschenden Wahlerfolg führt er lieber auf seine lange, minuziöse Arbeit im Vorfeld zurück. Der erste Baselbieter Regierungsrat der Grünen hat gezielt darauf hingearbeitet.

«In Lausen hängen noch ein paar Plakate, die müssen morgen runter», sagt der müde und zugleich aufgekratzt wirkende Mann, der sich zu mitternächtlicher Stunde seiner Krawatte entledigt hat. Es sind am vergangenen Sonntag bereits über zwölf Stunden verstrichen, seit im Baselbiet die Urnen schlossen.

Sechs Stunden sind es her, seit seine Wahl definitiv feststeht: Isaac Reber hat als erster Grüner den Einzug in die Baselbieter Regierung geschafft, er hat es als erster Herausforderer seit 1950 fertiggebracht, im Baselbiet einen bisherigen Regierungsrat aus dem Amt zu kippen, was bis Sonntag eigentlich als unmöglich galt im beschaulichen Baselbiet mit seinem umsturzfeindlichen Wahlsystem. Nun geniesst er die letzten Minuten seines aufregenden Tages.

Beim Auf- und Abhängen der Erste

Natürlich hängt am anderen Tag nicht nur in Lausen, sondern auch noch in anderen Baselbieter Gemeinden das Konterfei, mit dem es Reber sogar zum einen oder anderen Schnitzelbangg-Auftritt gebracht hat. Doch sein Vorsatz ist an diesem Abend klar: Wie beim Aufhängen will er auch beim Abhängen der Erste sein.

1600 Plakate, eine verrückte Zahl, waren geplant, am Schluss wurden noch 100 weitere gedruckt und aufgehängt, nachdem sich plötzlich zusätzliche Geldquellen für den Wahlkampf aufgetan hatten. Reber wusste, dass er sich damit an der Grenze zum Überdruss bewegte. Am Ende gab das Resultat ihm und seinem Wahlkampfteam recht.

Die Plakate hängte sein Helferteam gezielt aus. Obwohl es alles Grüne sind, wussten sie genau, wo im Kanton die meisten Autos vorbeifahren. Seine Porträts, professioneller als die bürgerlichen mit Kabelbinder befestigt, waren ein wichtiger Bestandteil des Wahlkampfs, aber längst nicht der einzige Faktor.

Und wenn am Sonntag oder am Montag immer mal das Stichwort «Fukushima-Effekt» die Runde machte, um Rebers Überraschungscoup zu begründen, so schüttelte der angehende Regierungsrat nur den Kopf und setzte sein bekanntes Schmunzeln auf, das er sich für ein paar Monate abtrainiert hatte. Reber ist fest überzeugt, dass in erster Linie seine minuziöse Planung zum Erfolg geführt hat.

Ursachen des Scheiterns gesucht

Denn im Gegensatz zur Konkurrenz begann er seinen Aufbau für den 27. März 2011 bereits über vier Jahre vorher, nach seinem klaren Scheitern bei den Regierungsratswahlen 2007. Reber und seine Berater suchten genau nach den Ursachen des Scheiterns, und sie wurden fündig. Man kannte damals den Grünen aus Sissach im unteren Kantonsteil kaum.

Also konzentrierte er sich im Wahlkampf auf das Unterbaselbiet. Samstag für Samstag stand er in den Zentren. Am Tag vor der Abstimmung, als höchstens noch Last-Minute-Urnengänger zu erreichen waren und andere Parteien ihre Aktivitäten längst eingestellt hatte, war er im Zentrum in Aesch anzutreffen, bemüht, Passanten in ein Gespräch zu verwickeln. Vom Budget für Inserate profitierten allwöchentlich vor allem Unterbaselbieter Blätter wie der «Birsigtal-Bote» oder das «Wochenblatt».

Nachdem die Grünen 2008 definitiv die Start-Taste gedrückt und Klaus Kirchmayr zum obersten Wahlkampf-Manager ernannt hatten, zog Reber noch andere Register. Schonungslos liess er sich von Freunden Defizite an seinem Auftritt vorhalten. Er trug immer öfter Krawatte, Brille und dosierte dafür sein Markenzeichen, das Lachen, um ernsthafter zu wirken.

Und wenn er nach einem Auftritt Vertraute kritisch fragte, wie er denn gewesen sei, so ging es ihm weniger um die Botschaft als vielmehr um seine sprachliche und inhaltliche Verständlichkeit. Für ihn begann der Wahlkampf nicht wie bei der Konkurrenz vor drei Monaten, sondern eigentlich bereits vor drei Jahren.

In der letzten Woche vor dem Wahlsonntag buchte er noch jeweils am Morgen kurze Leuchtreklamen auf der Passerelle des Basler Bahnhofs. Kein Baselbieter Pendler, der nicht seinem Gesicht und seiner Botschaft begegnete. Mit keinen 1000 Franken schlug dieser effektvolle Auftritt im Werbebudget zu Buche.

Ursprünglich wollten die Grünen 45 000 Franken investieren, die hauptsächlich von der Partei, von Reber selber und von einem Unterstützungskomitee eingeschossen wurden. Am Ende standen 60 000 Franken bereit, weil sich immer mehr Geldgeber von der Eigendynamik des Wahlkampfs anstecken liessen.

Die Grünen lanciertenihren Kandidaten, indem sie ihn bei fast allen politischen Geschäften als ihren Meinungsträger nach vorne schoben. Hinter vorgehaltener Hand jammerten Links und Rechts, dass der Neue mehr Medienauftritte erhalten habe als die Alten.

Bisweilen ging Reber, der in seinem Team auch einen Spezialisten für Computerwerbung hatte, an die Grenzen des Anstands, indem er zum Beispiel auf «Google» Werbung schaltete. Sobald jemand zum Beispiel den Namen von Wirtschaftskammer-Boss Hans Rudolf Gysin eintippte, tauchte zuerst eine Reber-Reklame auf.

Vielleicht zahlen ihm das seine politischen Gegenspieler ja einmal heim, falls sie bereit sind, vor dem nächsten Wahlkampf seine Strategie zu studieren und daraus zu lernen.

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